Gerne und oft zitieren die Odd Fellows die ersten Zeilen des Gedichtes «Das Göttliche» von Johann Wolfgang von Goethe:
«Edel sei der Mensch. hilfreich und gut!»
So sollen wir sein, denn schliesslich ist es das – nach Goethe – was uns von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Aber zum Mensch- sein gehört viel mehr, beispielsweise seine Zerrissenheit. Im «Faust» wird der Dichterfürst in dieser Beziehung deutlicher:
«Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust (Staub)
Zu den Gefilden hoher Ahnen.»
Und da wäre dann noch das Anthropozän. Der von Paul Crutzen im Jahr 2000 eingeführte und aus dem Griechischen stammende Begriff kann der Einfachheit halber mit «Zeitalter des Menschen» übersetzt werden. Crutzen erhielt übrigens für seine Forschungen zur Ozonschicht 1995 den Nobelpreis.
Anthropozän meint die Zeit seit der Sesshaftwerdung des Menschen, also die Zeit, seitdem er durch sein Verhalten den Planeten Erde aus dem Gleichgewicht bringt.
Auch das gehört zum Menschsein dazu. Nichtsdestotrotz ist Menschsein vom Gefühl her doch etwas Positives. Schliesslich wird das Adjektiv «menschlich» genau in diesem Zusammenhang verwendet. So verbinden wir «menschliches Hadeln» viel eher im Sinne des Goethe’schen «Gutes tun» als der Möglichkeit der Menschen, sich gegenseitig umzubringen und sich durch die Klimakatastrophe selbst die Lebensgrundlage zu entziehen. Ich glaube es braucht keine grosse Fantasie, was das menschliche Handeln im Anthropozän bestimmt hat.
Aber das hat noch keine Generation von Menschen davon abgehalten, an das Gute im Menschen zu glauben und von daher das Menschsein zu definieren. Auf der einen Seite das geniale Wesen, dass wissenschaftlich, technisch und auch humanistisch weiss, was gut und richtig ist oder sein könnte. Auf der anderen Seite ist dieses Wesen aber nicht in der Lage, damit umzugehen. Ein Wesen also, das zwischen Weisheit und Dummheit schwankt. Immanuel Kant sagte einmal zur Weisheit: «In der Schule der Weisheit kann man nicht sitzen bleiben, man kann sie aber auch nicht verlassen.» Und zur Dummheit äusserte sich Albert Einstein so: «Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.»
Weisheit lässt sich nicht lernen
Folgt man Kant, so lässt sich die Weisheit nicht lernen, geschweige denn kann man sie studieren. Sie lässt sich nicht in Regeln pressen, wie die Mathematik. Sie ist auch nicht vererbbar und schon gar nicht käuflich. Auch kann man sie nicht, sollte man wirklich weise sein, verschenken. Und doch ist die Weisheit für uns der Innbegriff, was ein Mensch erreichen kann.
Die Weisheit wird – seit Platon – zu den Kardinaltugenden gezählt und ist eigentlich, wie alle Tugenden, vom Aussterben bedroht. Es gibt nur noch einige wenige Exemplare des Weisen. Insbesondere das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts mit dem beginnenden Jugendwahn versucht, der Weisheit den Garaus zu machen. Doch ganz so verloren scheint die Weisheit nicht zu sein. Das heutige Interesse an der Weisheit ist mehr ein Interesse an ihr als ein Konsumgut. Meterweise Bücher bzw. elektronische Medien. Doch weiser werden wir durch diese Lektüre nicht. Es scheint aber so, dass eine bestimmte Vorstellung von Weisheit in uns ist. Kinder haben schon eine recht klare Vorstellung davon, was ein weiser Mensch ist. Lassen wir zunächst also jene zu Wort kommen, die unsere Zukunft sind. Eine Befragung der Universität Wien unter Schulanfängern, was ein weiser Mensch sei, zeigte dass 50 Prozent der Sechsjährigen und fast alle Zehnjährigen eine Vorstellung davon hatten. Es wurden Eigenschaften wie ehrlich, nett oder rätselhaft genannt. Weise Menschen helfen, trösten, man kann ihnen vertrauen. Und der alte Mann mit Bart ist der Innbegriff des Weisen.
Jeder von uns kann sicherlich sofort einen weisen Menschen nennen, meistens aus der Geschichte. Fast alle Philosophen kommen uns in den Sinn. Oder Persönlichkeiten wie Gandhi oder Mutter Teresa, selten oder gar nicht Politiker und Wirtschaftsbosse oder Wissenschaftler. Die Weisheit umgibt auch immer etwas Mystisches. Religionen haben sich das schon immer zu Nutze gemacht.
Rein sachlich betrachtet ist Weisheit «eine ideale menschliche Grundhaltung, die auf einer all- gemeinen Lebenserfahrung und auf umfassendem Verstehen und Wissen um Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens sowie um die letzten Dinge begründet ist. Diese Grundhaltung hat ihre Bedeutung unmittelbar in der Lebenspraxis», so die Definition im Lexikon (Geo Themenlexikon, Band 14). Was nicht im Lexikon steht, ist, dass weise zu sein immer auch bescheiden zu sein heisst. Und das passt gar nicht in die heutige Zeit bzw. hat eigentlich in keine Zeit gepasst. Weiss doch der Volksmund bereits im 19. Jahrhundert: «Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr.» Nichtsdestotrotz ist die Weisheit in unseren Augen etwas äusserst Positives.
All dies unterstreicht, dass weise zu sein, erstrebenswert ist. Es lohnt sich, weise zu sein. Nicht sofort, am nächsten Tag oder in der nächsten Woche, aber auf lange Sicht.
Philosophen sind schon vom Namen her prädestiniert, weise zu sein. Sind sie doch Liebhaber der Weisheit (das griechische Wort «philósophos» bedeutet «Freund/ Liebhaber der Weisheit»). Gut, auch sie haben Bücher geschrieben, aber aus anderen Gründen als jene, die heutzutage als Produkt vermarktet werden. Und einer der philosophischen Urväter, Sokrates, hat lieber mit den Menschen geredet als zu schreiben.
Weisheit hat nichts mit Wissen zu tun
Ich möchte mich der Weisheit nun einmal über das nähern, was sie nicht ist. Weisheit hat nichts mit Wissen zu tun. Auch ein Wissenschaftler, so klug er auch ist oder uns scheinen mag, kann uns keine Antwort geben. Er hat mit Weisheit eben nichts zu tun. Wissen kann man immer noch mehr anhäufen, was bei der Weisheit nicht möglich ist. Galt doch der bereits erwähnte Sokrates durch sein Wort «ich weiss, dass ich nichts weiss» als der Weiseste von allen. Wissen kann man sich geplant aneignen. Um weise zu werden, ist ein planvolles Vorgehen sogar hinderlich. Liebe, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Hilfsbereitschaft, das sind alles Begriffe, die mit Wissen nichts zu tun haben, aber für ein weises Handeln elementar sind. Natürlich besitzt der Weise auch ein grosses Mass an Wissen, aber es ist für sein Handeln nicht ausschlaggebend. Denn, nur zu sagen «ich weiss was» macht niemanden weise. Sprichwörtlich für weises Handeln ist das salomonische Urteil, bei dem König Salomon den Streit zweier Frauen um ein Kind damit löst, dass er es in zwei Hälften teilen lassen will. Die richtige Mutter ist nicht dazu bereit es töten zu lassen, während die andere zu- stimmt. Es steht ausser Frage, dass Salomon ein umfangreiches Wissen für sein gerechtes Urteil, nicht hinderlich war. Aber es wird auch deutlich, dass der Weise für sich selbst nichts will, sondern alles nur für seine Mitmenschen. Jener, der nur Wissen zu Verfügung hat und dementsprechend handelt, handelt egoistisch. Und genau das ist die Krux unserer Gegenwart: wenn ich etwas bekommen kann, dann nehme ich es mir. Nach dem Motto: the winner takes it all. Oder, wenn mit anderen, dann nur in einer Win-win-Situation. Was sind aber nun die Voraus- setzungen von Weisheit? Mit Sicherheit nicht unsere Schulbildung. Wie zuvor schon kurz erwähnt, behaupte ich, wir haben irgendwo, tief im Süden unserer Seele, die Möglichkeit, aus der Empfindung Weisheit zu erkennen.
Wir empfinden, dass es genau hier und jetzt passt. Ein Schuhputzer in Mexico-City hat dabei die gleichen Voraussetzungen wie ein Schweizer Banker. Die alten Griechen, also nicht die heutigen, hatten ihre sieben Weisen, darunter im Übrigen nur ein Philosoph, und versuchten quasi eine Trainigsanleitung für den Weg zum Weisen zu geben. Doch auch schon bei ihnen waren die Weisen woanders zu finden.
Langsamkeit und Zurückhaltung
Kommt noch dazu, dass man mit Weisheit heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Allein schon, wenn jemand sich heute Zeit nimmt, um zu einem Urteil zu kommen, wird er kaum noch ernst genommen. Aber genau das ist für eine weise Ent-scheidung nötig: ein gewisses Mass an Langsamkeit und Zurückhaltung.
In Zeiten des Wettbewerbs wird so etwas bestraft. Kein weiser Jobsucher würde heute eingestellt werden.
Am besten beantwortet unsere Frage noch die philosophische Sicht. Auch als Philosoph selbst bekommt man heute schwer einen Job, ausser an der Uni. Und der Philosoph als Professor ist der Tod der Philosophie, wie Nietzsche wusste. Weise zu sein, heisst aber auch zu schauen, was hat ein anderer Weiser gesagt oder getan. Man muss begreifen, dass jeder sich in einem historischen Prozess befindet. Ohne den gibt es auch in Zukunft keine oder wenig Weisheit, und ich möchte es zugespitzt formulieren, ohne Weisheit gibt es für uns gar keine Zukunft.
Wie entkommen wir diesem Dilemma?
Über die Besinnung auf unsere grossen Denker, werden wir nicht weise. Aber ohne ihr Denken zu reflektieren und weiter zu gestalten auch nicht. Denn verbleiben wir in der Vergangenheit hält uns dies weiter klein und wir überlassen das Feld wie gesagt den Lautschwätzern und Populisten. Derzeit scheinen sie auf der ganzen Welt das Zepter zu über- nehmen oder haben es bereits übernommen.
Und ich meine gerade Odd Fellows haben in Bezug auf Humanismus und Werte etwas zu sagen. Wir müssen den Mut haben, uns dieser Herausforderung zu stellen, mit Menschen- liebe und Bescheidenheit. Geben wir mit unserer Geisteshaltung der Weisheit den Raum, der ihr zusteht und den sie auch benötigt, um sich in unserer Gesellschaft zu entfalten.
Werfen wir nun einen Blick auf die Dummheit.
Definitionen der Dummheit gibt es wohl so viele, wie es Menschen gibt, die darüber nachgedacht haben. Jene, die arm im Geiste sind, kommen gemäss des Evangelisten Matthäus in den Himmel. Jedenfalls werde ich die Dummheit nicht im Himmelreich suchen, stattdessen aber versuchen, mit beiden Beinen auf der Erde zu bleiben.
Denn von hier kommen jene geistig Armen ja her. Wäre ich ein Zyniker, könnte ich jetzt als Beweis sämtliche politischen Parteien aufführen, und zwar grenzübergreifend. Ich tue dies aber nicht. Schon vor über 2400 Jahren urteilte Sokrates – dem auch der Ausspruch «Ich weiss, dass ich nichts weiss» zugeschrieben wird – ähnlich über die Menschen.
Gutes zu tun zahlt sich aus
Nur bezeichnete er sie nicht als «dumm», sondern als «unwissend»: «Gutes zu tun zahlt sich aus. Der Mensch tut es nur deshalb nicht, weil er nicht die geringste Ahnung hat, wo das Gute liegt, daher ist er nicht schlecht, sondern unwissend.» Man ist bei den Worten Sokrates’ unwillkürlich an die digitalen Medien, die alles andere als sozial sind, erinnert. Es scheint so, als ob der Mensch, seitdem er denken kann, die Dummheit gepachtet hat. Heute vielleicht mehr denn je, wird doch die Zeit, in der wir leben, gerne als postfaktisch bezeichnet. Die Zeit, in der Fakten galten, ist also vorbei. Es wird von gefühlter Wahrheit gesprochen. Die Meinung der Einzelnen wird von Emotionen und nicht von Inhalten bestimmt.
Bei dem Versuch, die Dummheit als das, was das Menschliche ausmacht, zu beschreiben, werde ich vieles nicht erwähnen können, aber die geneigte Leserschaft kann sich gewiss sein, dass alles immer mitgedacht worden ist und zwischen den Zeilen steht. Jeder wird es auch leicht finden, denn es geht ja nicht um uns, sondern um die ANDEREN. Dies schon alleine deswegen, weil, wer über Dummheit schreibt und wer dies mit Nutzen lesen will, nicht dumm sein kann – von sich also glauben muss, klug zu sein. Dennoch sollte man sich selbst immer davor in acht nehmen, der Dummheit zu verfallen und immer das Bibelwort vor Augen haben: «Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?» Nachzulesen ist es wiederum im Matthäus- Evangelium.
Für Immanuel Kant war die Dummheit ein «Gebrechen des Kopfes», zeitlos, facettenreich und ein Kulturbegleiter. Die Betroffenen leiden aber nicht besonders unter der Dummheit, das tun schon eher ihre Mitmenschen. Es ist sozusagen ein angenehmes Leiden. Eventuell kann der Betroffene ins Grübeln kommen, wenn über ihn gelästert wird. Beispiele für akute Dummheit «pflastern» unseren Weg durch den Alltag. Wir treffen sie im Beruf, beim Einkauf, beim Wandern, aber auch und besonders in den Medien. Dort können wir erfahren, wie weit verbreitet die Dummen sind. Jetzt kann man sagen, dass die Dummen nicht merken, dass sie dumm sind, weil ihnen der nötige Verstand fehlt, darüber nachzudenken. Aber wie erwähnt, auch wer sich selbst als klug bezeichnet, der kann sehr schnell als dumm gelten.
Die Macht der Dummheit war schon immer gross
Nicht zu Unrecht weist der Moralist darauf hin, dass Handeln gegen besseres Wissen viel eher zu verurteilen ist, als wenn etwas aus Unwissenheit geschieht, wobei schon im römischen Recht der Grundsatz galt: «Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.» Man kann sich also drehen und wenden wie man will, in letzter Konsequenz müssen wir immer für unsere Taten gerade stehen – auch für die dummen. Und mit einer weiteren Tatsache müssen wir uns auch abfinden: Die Macht der Dummheit war schon immer und ist auch heute noch gross. Und dabei sollten wir uns nicht dazu verleiten lassen zu glauben, dass die Menschen vor uns allesamt dümmer gewesen wären als wir, weil heute
beispielsweise die Bildung flächendeckender ist. Es ist nicht möglich, die Höchstleistungen der Menschen aus den verschiedenen Epochen mit einander zu vergleichen. Sie sind halt verschieden, aber nicht grösser oder besser oder dümmer.
Doch zurück zu unserer Alltagsdummheit. Die Phantasie beziehungsweise der Mangel an Phantasie kennzeichnen den Dummen recht gut. Dadurch verkümmert sein Gefühlsleben und er kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem was man weiss und dem was man nicht weiss. So ruht er sich unreflektiert auf seinen Gewohnheiten aus und hinter- fragt seine Vorurteile nicht. Auch hat er grosse Schwierigkeiten mit Humor und Toleranz.
Interessant wird es auch, wenn sich der Mensch in einer Gruppe befindet. Hier legt er alle Bedenken und Skrupel ab. Im Schutz der Masse, einer Partei, einer Nation,
in einem Fussballstadion oder an einem Rockkonzert. Hier ist die Gefahr für jeden gross, gerade Humor und Toleranz zu verlieren. Hier schreit der Einzelne im Chor seine vermeintliche Klugheit hinaus. Die Reflexions- und Distanzfähigkeit gehen verloren. Die Dummheit und das Glücksgefühl gehen hier eine fatale Beziehung ein. Es ist ein Gefühl, das die Weisheit nicht vermitteln kann.
Jeder ist leidlich klug
«Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig. Sind alle zusammen, gleich wird euch ein Dummkopf daraus», berichtet schon Friedrich Schiller über seine Beobachtungen der Menschen in der Masse. Und dies ist weitgehend unabhängig von der Intelligenz, denn gerät der Einzelne in eine Masse hin, hat er weitestgehend keine Chance. Massenmedien machen hier keine Ausnahme. Bekanntes zu bestätigen, ist besonders das Prinzip der digitalen Medien. Dort findet jeder Dumme auf Anhieb genügend andere Dumme. Jeder unsinnige Gedanke findet im Internet ein Forum, in dem er bestätigt wird. Gibt es denn nichts Versöhnliches über die Dummheit zu berichten? Wenigstens auf den Volksmund ist Verlass. Er gibt den Dummen so weit recht, dass man es eigentlich vermeiden sollte, klug zu sein, wenn er sagt: «Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln.»
Als Fazit bleibt, dass wir ohne Weisheit keine Zukunft haben. Wenn da nicht die menschliche Dummheit im Weg stünde, von der Einstein wusste, dass sie unendlich ist. Vielleicht ist es am Ende dann doch die Dummheit, die das Menschsein ausmacht. Und vielleicht liegt dies daran, dass der Mensch Glücklichsein eher selten mit Weisheit verbindet.
Bild 1:
Ohne Weisheit haben wir keine Zukunft. Wenn da nicht die menschliche Dummheit im Weg stünde.
Foto: leistungsfotografie.ch/eg
Bild 2:
Will der Weise für sich selbst nichts, sondern alles nur für seine Mitmenschen?
Foto: leistungsfotografie.ch