Eine Hilfe seitens der Philosophie könnte darin bestehen, dass sie die den Menschen auf Lebensformen aufmerksam macht, die ihm helfen auf die existentiellen Gefahren eine ebensolche Antwort zu erteilen. Die Lebensform der Würde ist meines Erachtens eine mögliche Antwort, die wir nachstehend etwas ausleuchten wollen.
Die Dignität, so sagt die Philosophie, ist das höchste Gut des Menschen. Doch was meinen wir damit? Der Schweizer Philosoph Peter Bieri (1944 – 2023) hat sich mit dieser Frage nachhaltig befasst und das Ergebnis in seinem, 2013 im Carl Hanser Verlag in München publizierten Werk «Eine Art zu leben», festgehalten. Darauf wollen wir unseren Beitrag u.a. abstützen. Zuerst möchten wir zu Peter Bieri etwas sagen.
Er hat unter dem Namen Pascal Mercier einen modernen Klassiker der Literatur geschaffen «Der Nachtzug nach Lissabon». In diesem Roman vereinigen sich, so Mirjam Comtesse (1978), philosophische Grundfragen und schriftstellerische Fabulierfreude. Dabei versucht Peter Bieri, den Philosophie-Professor strikt vom Romancier zu trennen. Deshalb erschienen seine Werke «Perlmanns Schweigen» 1995 und «Der Klavierstimmer» 1998 unter einem Pseudonym: Pascal Mercier. Es setzt sich zusammen aus dem Nachnamen des französischen Philosophen Blaise Pascal (1623 – 1662) und dem des französischen Autors Louis-Sébastien Mercier. (1740 – 1814)
Ein Leben in Contenance
Die Frage, was ein gutes Leben sei, wird vielfach mit dem Hinweis beantwortet, dass ein gutes Leben, ein Leben in Contenance sei, denn diese sei unantastbar. Ein solches Leben, so Bieri, hat drei Dimensionen:Die erste Dimension bezieht sich auf die Art, wie ich von den anderen Menschen behandelt werde. Die zweite Dimension betrifft meinen Umgang mit anderen Menschen und die dritte Dimension thematisiert die Frage, wie ich zu mir stehe.Zur ersten Dimension: Mitmenschen können mich so behandeln, dass ich meine innere Haltung bewahren kann oder so, dass sie beeinträchtigt, ja zerstört wird. Meine Würde wird in diesem Fall von anderen bestimmt, deren Verhalten könnte sie auch zerstören und damit auch eine der Ausdrucksformen meines Lebens.Die zweite Dimension betrifft die Art und Weise wie ich zu meinen Mitmenschen stehe. Wie betrachte ich sie und welche Rolle spielen sie in meinem Leben. Es liegt an mir, Muster des Tuns und des Erlebens zu wählen, die meiner Selbstachtung zugute kommen. Ich habe es damit selbst in der Hand, ob mir ein solches Leben in Respekt vor mir selber gelingt oder eben auch nicht.Die dritte Dimension ist die, mit der höchsten Komplexität, denn ich selbst entscheide über mein Niveau. Die Frage, die ich mir stellen muss, beschreibt Bieri wie folgt:
«Welche Art, mich selbst zu sehen, zu bewerten und zu behandeln, gibt mir die Erfahrung des eigenen Wertgefühls»
Die drei Dimensionen lassen sich gedanklich klar voneinander trennen. Sie sind jedoch interdependent, wenn es um die Erfahrung geht, in denen unsere innere Haltung auf dem Spiel steht.
So ist es die Art, wie wir uns selber sehen, die die Einstellung gegenüber dem Anderen prägt, was wiederum beim Anderen für die Beurteilung unserer Wertschätzung mitbestimmend ist. Es ist daher unsere wichtige Aufgabe, die unterschiedlichen Erfahrungen klar sichtbar zu machen und die Wege offen zu legen, die die Stabilität unserer eigenen Einschätzung beeinflussen. Dies vor allem deshalb, weil wir den Verlust derselben als ein Unglück im Sinne eines Makels, wie Bieri schreibt, empfinden. Der unwiderrufliche Verlust der eigenen Wertigkeit entspricht einem verlorenen Gleichgewicht, das nie wiederherzustellen ist.
Die Lebensform der Würde ist jedoch nicht aus einem Guss. Bieri beschreibt es so: «Es gibt darin Risse und Sprünge, Unklarheiten und Unstimmigkeiten. Die Geltung des Menschen zu verstehen, heisst nicht, diese Unvollkommenheiten zu übertünchen und wegzudeuten. Es heisst, sie anzuerkennen und in ihrer unübersichtlichen Logik aufzuklären.»
Die Erfahrungen mit dem Selbstwertgefühl sind nicht immer klar und eindeutig. Das zeigt sich, wenn wir die diversen Erscheinungsformen dieses Gefühls studieren. Eine davon ist die Wertung unserer Selbstbestimmung. Wir haben alle den Wunsch und den Willen, unser Leben selbst zu definieren. Das heisst, dass wir selber darüber entscheiden, was wir tun und lassen und nicht von der Macht und dem Willen anderer abhängig sind
Wir haben den Willen, Lebenslagen zu vermeiden, von denen wir meinen, dass unsere Geltung dabei verlorengeht. Diese Lebenslagen sind Situationen der Abhängigkeit, der Ohnmacht und Unselbständigkeit. Indem wir diese Lebenslagen vermeiden, begründen wir unseren Wunsch nach Beachtung und Erkenntlichkeit.
Das ist jedoch einfacher gesagt als getan. Die Selbständigkeit hat viele Facetten und umfasst Vorstellungen, die der Realität zum Teil kaum entsprechen. Wir sollten anerkennen, dass wir nicht alleine auf der Welt sind und auch nicht alles allein tun können.
Wir sind in mancher Hinsicht mit anderen verbunden und so in einer gegenseitigen Abhängigkeit, die auch unserer Selbst tangiert. Mit dieser Frage müssen wir uns befassen, denn sie unterstellt, dass wir auch ein Subjekt sein können.
Wir sind als Menschen Wesen, die ihr Leben erzählen können
Peter Bieri vertritt die Meinung, dass es eine Geschichte geben muss, die uns zeigt, was wir persönlich erleben, dies im Unterschied zu den Objekten. Wir sind es, die im Zentrum des Geschehens stehen, also dort wo das Erleben herrscht. So vermögen wir die Motive unseres Tuns zur Sprache zu bringen und mit Worten unser Erleben mitzuteilen. Mit anderen Worten: wir sind als Menschen Wesen, die ihr Leben erzählen können.
Bei diesem Erzählen stellen wir uns auch in Frage. Dazu halten wir inne und bedenken unser Leben. Damit beweisen wir, dass wir nicht wie Getriebene leben wollen. Wir möchten das eigene Leben selbständig gestalten und dafür auch Verantwortung tragen. Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca, er wurde in Cordoba geboren und starb im Jahr 65 n.Chr. in Rom, belehrt uns dabei, wenn er sagt:
«Nichts ist schwieriger für einen überlasteten Menschen, als gut zu leben.»
Damit wir das gute Leben auch wirklich erleben können, sollten wir in der Lage sein, uns selbst zu erkennen. Das heisst in der Praxis, dass wir eigene Wertvorstellungen erarbeiten und umzusetzen versuchen. Gelingt es uns, dann haben wir nach Aristoteles unser Lebensziel erreicht.