Am 7. Juni haben die Schweizer Teilnehmer einen kurzen Ausflug zu den Hackeschen Höfen gemacht. Unser Gross-Sire konnte jedoch nicht daran teilnehmen, da er mit seinen Amtsbrüdern aus den anderen Ländern an der Vorbereitung der Sitzung beschäftigt war.
Ein wirklicher Odd Fellow
Wir haben uns mit der Geschichte Berlins, insbesondere mit Otto Weidt auf die Tagung eingestimmt. Er war wirklich ein Odd Fellow, obwohl er nicht Mitglied unseres Ordens war. Weidts ehemalige Werkstatt ist heute ein sehenswertes Museum. Otto Weidt hat in der NS-Zeit vielen Menschen die Ausreise aus Deutschland ermöglicht, sowie ihnen in seiner Bürstenfabrik Unterschlupf gewährt. Die Holocaust-Überlebende Alice Brenner geb. Licht sagte 1962 über Otto Weidt: «Einer dieser Menschen war Otto Weidt, ein aufrichtiger und edelmütiger Charakter, furchtlos und Kämpfer für Gerechtigkeit, beseelt, den Armen, Bedrängten und Verfolgten zu helfen und ihr jeweiliges Los zu erleichtern.»
Wachstum in Island und Schweden
Nach einem Mittagessen begann die Sitzung mit verschiedenen Vorträgen zu den Themen des Ordens. Zunächst wurden die Entwicklungen in den Juristiktionen vorgestellt. Hier konnte über das Wachstum der Logen in Island und Schweden berichtet werden. SDGS Kjell-Henrik Hendrichs aus Norwegen erläuterte die Entwicklung in den Ritualen, welche zunächst in Manchester ganz fehlten, dann immer reichhaltiger und fast theatralisch wurden, bis in die heutige Zeit. Weiter wurden uns die Werbemittel in Europa und die Künstliche Intelligenz von SDGS Britt-Eva Haaland, Norwegen, und unserem Gross-Sire Urs Zeller nähergebracht. Die Bemühungen für die Youth Tour stellte European Grand Sire Morten Buan vor und die Hilfe für die Ukraine Past Grand Sire Eugeniusz Myszka und Grand Secretary Andrzej Sekula aus Polen. Diese letzteren Erläuterungen haben mich persönlich sehr beeindruckt. Dort kommt Hilfe wirklich direkt bei den Menschen an, ohne Umwege!
An einem gemeinsamen Abendessen war Zeit sich weiter kennen zu lernen, und die Angehörigen hatten von den intensiven Stadtbesichtigungen viel zu erzählen.
Einführung in den Grad der Weisheit
Am Samstag wurde zunächst die Sitzung rituell eröffnet und die neuen Bewerber wurden in den Grad der Weisheit eingeführt. Ein würdiges, sehr feierliches und inhaltsreiches Ritual. Im Mittelteil wurden die neuen Executive Committee Officers gewählt: GLE Grand Sire Morten Buan, Norwegen, GLE Deputy Grand Sire Christina J. Rydman, Schweden, GLE Grand Secretary Anne Hannus, Finnland, sowei GLE Grand Treasurer David Einarsson, Island.
Ebenso wurden die neuen Satzungen genehmigt, die der EGL mehr Kompetenzen in den Entscheidungen in Europa ermöglicht. Dann wurde die EGL im Beisein des Amerikanischen Sovereign Grand Masters John F. Cupp und der Past Sovereign Grand Master Michelle Heckart geschlossen. Im anschliessenden Galadinner hatten wir erneut Zeit uns auszutauschen. Und wir vernahmen auch wieder vieles vom Ausflug der Angehörigen in Berlin. Am Sonntagmorgen fand dann noch die Wertevermittlung für den Degree of Wisdom statt.
Wir sind den Deutschen Odd Fellows sehr dankbar für ihre reibungslose Organisation des Anlasses.
Nach der Europäischen Gross-Logen-Tagung unterhielten wir uns mit Gross-Marschallin Barbara Streit.
«Die Stimmung in der Halle und die Energie die ich verspürte waren für mich sehr emotional»
Du bist in diesem Jahr zum ersten Mal an der Europäischen Grosslogen-Tagung dabei gewesen. Was sind deine allgemeinen Eindrücke?
Es war überhaupt das erste Mal in meinem Leben, dass ich an einer solchen europäischen Veranstaltung teilnehmen durfte. Als das ZELT 2019 bei uns in Bern stattfand, hatte ich einen Helfereinsatz. Es ist jedoch nicht dasselbe, wenn du selbst «richtig» dabei sein darfst. Es herrschte eine fröhliche Stimmung. Viele Schwestern und Brüder kannten sich von früheren Meetings.
Welche Aspekte der Tagung würdest du besonders hervorheben?
Der Samstag, mit dem Grand Lodge Meeting hat mir persönlich sehr gut gefallen. Dress-Code war «Gala-Long black dress», d. h. die Brüder im Frack oder Smoking, die Schwestern im langen schwarzen Ordenskleid. Die Disziplin beim Einmarsch in die Halle war sehr beeindruckend. Die Sitzordnung in der Halle war ebenfalls klar geregelt. Die Brüder sassen auf der einen Seite die Schwestern ihnen gegenüber auf der anderen Seite. Ebenfalls war geordnet, wie sie in die Halle eingelassen wurden. Da es ziemlich viele Brüder und Schwestern hatte, die den Grad der Weisheit erhielten, wurden stellvertretend je eine Schwester und ein Bruder durch die Zeremonie geführt. Die Stimmung in der Halle, die Energie die ich verspüren konnte, es war für mich sehr emotional.
Die beiden Vorträge von Special Deputy Grand Sire Kjell-Henrik Hendrichs waren genial. Am Freitag hörten wir über die rituelle Entwicklung im Odd Fellows Orden von 1730 bis heute. Am Sonntag, hielt er eine Vorlesung über den Grad der Weisheit. Obwohl mein Englisch nicht so gut ist, sprach Bruder Sire Hendrichs in so verständlichem Englisch, dass es für mich eine Wonne war, ihm zuzuhören.
Gab es besondere Herausforderungen, und wie hast du diese gemeistert?
Ja gab es, bereits am ersten Treffen am Freitagnachmittag. Es ging um den Dress-Code, der hiess «Black suit/short black dress». Wenn es bei uns Schwestern in der Schweiz heisst «schwarz kurz», so dürfen wir auch schwarze Hose tragen. Und da ich eine Frau bin, die eigentlich fast immer Hosen trägt, war für mich klar, dass ich in schwarzen Hosen teilnehmen werde. Doch als ich aus dem Lift kam und auf meine Brüder aus der Ordensleitung wartete, musste ich an Schwestern aus dem Norden vorüberlaufen. Ich kann Euch sagen, es war eine richtige Inspektion. Von Kopf bis Fuss wurde ich von allen gemustert, so nach dem Motto «Was will die hier in Hose». Ich liess mir nichts anmerken, da ich im Vorfeld bereits eine solche Reaktion erwartet habe. Meine Brüder aus der Ordensleitung sind ja gewohnt, dass wir Schweizer-Schwestern in Hosen an Sitzungen teilnehmen und so bin ich gut gestützt worden. Aber tatsächlich wurde ein Bruder aus der Schweizerdelegation gefragt, ob das üblich sei, dass in der Schweiz die Schwestern Hosen tragen dürften.
Was hat dir die Teilnahme an der Tagung auf persönlicher Ebene gebracht, bzw. welche neuen Erkenntnisse oder Ideen hast du von der Tagung mitgenommen?
An dieser Tagung wurde ich in den Grad der Weisheit aufgenommen, was für mich eine Ehre ist. Die Odd Fellows kennen zehn Grade und der Grad der Weisheit ist der höchste Grad der erreicht werden kann. Die Erkenntnis ist, dass die eigentliche Arbeit erst richtig anfängt. Die Weisheit ist nicht einfach da, die erlangt man nur durch Lebenserfahrung, durch Abgeklärtheit gewonnene innere Reife. Die Weisheit bezeichnet vorrangig ein tiefgehendes Verständnis von Zusammenhängen in Natur, Leben und Gesellschaft sowie die Fähigkeit, bei Problemen und Herausforderungen die jeweils schlüssigste und sinnvollste Handlungsweise zu identifizieren. Und das dauert ein Leben lang und hört erst mit dem Tod auf.
Hattest du die Gelegenheit, Vertreterinnen bzw. Vertreter anderer Gross-Logen näher kennenzulernen?
Am Donnerstagabend konnte ich mich mit deutschen Brüdern, welche im OK tätig waren, austauschen. Sicherlich hätte ich auch die Gelegenheit gehabt weitere Schwestern und Brüder näher kennen zu lernen. Ich bin jedoch ein Mensch, der zuerst einmal schaut und nicht direkt auf «fremde» Personen zugeht. Da ich die englische Sprache nicht so gut beherrsche, hielt ich mich mehrheitlich bei meinen Schweizer Brüdern und deren Begleitung auf. Aber ich übe mich fleissig Englisch, damit ich mich allenfalls in zwei Jahren besser unterhalten und somit ungezwungen auf neue Personen zugehen kann.
Wie siehst du die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen den europäischen Odd Fellows?
Da mein Wirken bisher nur in der eigenen Loge war, ist diese Frage etwas schwierig zu beantworten. Der Austausch zwischen den Ländern ist jedoch wichtig, da es neue Ideen und Anregungen für die eigene Logenarbeit geben kann. Logenbesuche im Ausland oder ausländische Logen ins eigene Land einladen, könnte dazu beitragen und den Zusammenhalt stärken. Gemeinsame Events, wie die EYT European Youth Tour helfen da sicherlich ebenfalls.