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Wege entstehen, wenn wir uns trauen

«Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.» Ein scheinbar einfacher Satz, der bei genauer Betrachtung Fragen aufwirft. Der Autor setzt sich kritisch und humorvoll mit der Aussage auseinander, beleuchtet philosophische, literarische und persönliche Perspektiven auf Lebenswege, Entscheidungen und Orientierungshilfen – und zeigt, dass der richtige Weg oft erst im Gehen sichtbar wird.
Wege entstehen, wenn wir uns trauen
Wer an einer Wegkreuzung steht, muss die Entscheidung selbst treffen, den scheinbar richtigen Weg fortzusetzen. Foto: BILDOGRAPHIE.SWISS/jc

Uns wird jeweils zum Jahresbeginn von der Logenleitung ein Thema vorgeschlagen, über das wir nachdenken sollen. Dieses Jahr heisst das Thema: «Wege entstehen dadurch, dass man sie geht». Als ich diesen Satz las, dachte ich: was für ein Unsinn. Denn, wenn man also die Wege geht, bestehen diese Wege ja bereits und werden nicht erst neu angelegt. Anders ist es, wenn ich beispielsweise über ein brachliegendes Feld gehe. Dann zeichnet sich eine Spur ab, also ein Weg, der aber hinter mir liegt und nicht vor mir entsteht.

Soweit meine Einschätzung des Nonsens zu diesem Satz.

Da der Satz aber ein Zitat von Kafka sein soll – und wenn eine solche Persönlichkeit dies sagt – muss es wohl stimmen. Aber ich habe den Verdacht, dass bei Kafkas Aussage, dieses «sie» (also die Wege) unbedacht eingefügt wurde. Denn wenn der Satz Sinn haben soll, muss er heissen: «Wege entstehen dadurch, dass man geht». Punkt!

Aber streiten wir nicht um des Kaisers Bart. Wir wissen ja, was eigentlich gemeint sein soll.

Im philosophischen Sinne, hat diesen Hinweis auch Friedrich Nitzsche gesagt, nämlich: «Neue Wege entstehen beim gehen». Ebenso der spanische Lyriker Antonio Machado hat in einem Gedicht die Problematik des Gehens beschrieben. Ich zitiere daraus:

Wanderer, deine Spuren sind
der Weg, und sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
der Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg,
und wenn man den Blick zurückwirft,
sieht man den Pfad, den man
nie wieder betreten wird.

Wanderer, es gibt keinen Weg,
nur Kielwasser im Meer.

Noch eindeutiger ist an der Klostermauer im spanischen Toledo zu lesen: «Wanderer, es gibt keinen Weg, es gibt nur das Gehen.»

Da wir gerade so vielsagend bei Zitaten sind, nochmals zu Kafka. Dieser schrieb 1917 im «Oktoberheft»:

«Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen ist lediglich ein zögern.»

Eine etwas philosophische Ansicht.

Selten trauen wir uns einen bestehenden Weg zu verlassen

Es ist aber klar, damit sollen wir zum Handeln animiert werden um nicht stehen zu bleiben. Wir trauen uns nämlich selten, bis nie, einen bestehenden Weg zu verlassen. Warum auch? Wenn sich der bisherige Weg durchaus bequem laufen lässt.

Um zu gehen, ohne dass bereits vor uns ein Weg ist, trauen wir uns ebenfalls kaum.

Denn es könnte ja ein Umweg werden oder sogar ein Abweg. Grundsätzlich bleibt jedoch die Sinnfrage bestehen, wo möchte ich hinkommen, wo ist mein Ziel? 

Ob wir das Ziel erreicht haben, wird logischerweise erst am Ziel ersichtlich. Ist dies nicht der Fall, so bleibt der zurück gelegte Weg, in jedem Fall stets ein persönlicher Weg. Dies darum, weil ich mich auf dem begangenen Weg weiter entwickelt habe.  

Mit anderen Worten: Ich habe beim gehen, Arbeit an mir selbst vollbracht. Eine Forderung, die Odd Fellows geläufig ist.

«Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige.“ Dieser ironische Rat ist nicht von mir, sondern vom österreichischen Publizist Karl Kraus. Doch Spass beiseite. Wer an einer Wegkreuzung steht muss die Entscheidung selbst treffen, den scheinbar richtigen Weg fortzusetzen. Stehen bleiben und warten darf er nicht, er muss sich entscheiden zum gehen.

Jeder von uns hat schon wesentliche Entscheidungen im Leben treffen müssen und zumeist bis auf wenige, die richtigen. Dies hauptsächlich nach intensiver, sachlicher Überlegung oder einfach aus einem «Bauchgefühl» heraus.

Als kleine amüsante Einlage:  In der heutigen technischen Zeit gibt es ein einfaches Mittel, die Wegentscheidung zu einem vorgesehenen Ziel einem sogenannten NAVI anzuvertrauen. Solche Navigationsgeräte sind für einen Wanderer meistens eine echte Hilfe, denn sie nehmen ihm mit ihrer Orientierungsfunktion eigene Denkarbeit ab. Aber wie oftmals, wenn man sich auf den Rat eines anderen verlässt, erweist sich der angeblich richtige Weg als der falsche.

Das haben bestimmt auch schon einige erfahren. Ich beispielsweise habe auswärts meine Heimatadresse in mein Autonavi eingegeben – und los gings. Bis zu einer wegen Strassenbau gesperrten Strecke. Wohin jetzt weiter? Also fuhr ich in die nächste freie Strasse rein. Das registrierte das Navi und meldete sich mit rechts abbiegen, zweite Strasse links abbiegen und so weiter. Bis ich wieder vor der gesperrten Strasse stand. Dem Navi war keine Schuld anzulasten, es konnte den vorgegebenen Weg zu mir nach Hause nicht verlassen.

Das ist mir eine Lehre, nämlich nicht unkritisch die Wegrichtung eines Rats gebenden zu befolgen. Dies auf einem Weg, wie auch im Leben.

Orientierungshilfen zeigen uns den Weg

Nach diesem kleinen Ausflug in die persönliche Erfahrung, wieder zurück zur Philosophie unseres Jahresthemas.

Kaum jemand geht, ohne ein Ziel zu haben. Kenne ich das Ziel, frage ich mich sogleich, welcher Weg ist der kürzeste, der sicherste, der bequemste, der günstigste? Um das herauszufinden, benötige ich Orientierungshilfen um auf dem Weg zu bleiben und nicht vom Weg abzukommen. Und solche Orientierungshilfen gibt es tatsächlich.

Es sind die Werte der Off Fellows: Moral, Ethik, Tradition, aber auch Erziehung und Lebensgewohnheiten, deren Orientierungsfunktion wir meistens gar nicht wahrnehmen.

Eine scheinbar feste Orientierungshilfe ist bekanntlich auch die Religion, die allerdings oftmals auch zum Irrweg werden kann. Odd Fellows haben eigene, echte Orientierungshilfen für unseren Lebensweg. Diese sind: Freundschaft, Liebe und Wahrheit. Diese echten Orientierungshilfen zeigen uns den zu gehenden Weg. Das entscheidende dabei ist, nicht stehen zu bleiben, sondern ständig weiter zu gehen, um hinter sich einen Weg zu markieren, der menschenwürdige Lebensverhältnisse erkennen lässt.

Allerdings ist dies der Wunsch als Vater des Gedankens. Die Regel ist nämlich meistens, stehen zu bleiben, nicht weiter zu gehen, weil man der Meinung ist, jetzt ist es genug, hier bleibe ich, hier geht es mir gut, alles zu meinem Besten. Diese Einstellung gehört zur menschlichen Verhaltensweise. Dies zu korrigieren, haben wir Odd Fellows ein mögliches Gegenmittel: Arbeit an sich selbst.

Eigentlich haben wir bereits einen vorgegebenen Weg im Leben vor uns. Es ist der Weg der zwischen Geburt und Tod besteht. Der sogenannte Lebensweg, mit zahlreichen Weggabelungen und Kreuzungen. Anfänglich müssen wir kaum über diesen Weg nachdenken. Später müssen wir Entscheidungen treffen. Eine falsche Entscheidung für die einzuschlagende Richtung kann, wie bereits erwähnt,  fatale Folgen haben. Auf Irrwege, Abwege oder auch in eine Sackgasse führen.

Danach dies als Schicksal oder Zufall zu betrachten heisst sich selbst zu belügen. Denn wir haben den eingeschlagenen Weg selbst gewählt. Zugegeben, dies aus der zumeist unbekannten Kausalität unseres bisherigen Lebens heraus.

Ich lese gerne die Fabeln der alten griechischen Mythologie. Da erinnere ich mich an die Fabel «Herakles am Scheideweg». Zum Inhalt: Herakles kommt bei der Wanderung auf seinem Lebensweg an eine Wegkreuzung. Unschlüssig, welchen Weg er weitergehen soll, da erscheint die Göttin «Glückseligkeit» und gibt ihm den Rat, sich für den leichteren und angenehmeren Weg zu entscheiden.

Da tritt die Göttin «Tugend» hinzu und empfiehlt Herakles, seinem Herkommen und seiner Erziehung gemäss den anstrengenden, aber letztlich befriedigerenden Weg zu wählen. Damit wird Herakles zwei Alternativen angeboten. Welchen Weg Herakles wählte ist leider nicht bekannt, weil die Fabel unvollständig ist. Der Philosoph Aristoteles, der die Fabel später weitererzählt, findet allerdings, dass beide Wegalternativen falsch sind. Er empfiehlt als dritte Möglichkeit den Mittelweg als den richtigen Weg. Aristoteles hat nämlich seine Philosophie über Ethik auf die Mitte gerichtet aufgebaut und bezeichnet die Mitte als Orientierung zwischen zwei extremen Wegen. (Das wäre eigentlich der schweizerische Weg.)

Wir denken alle zuerst nur an uns selbst

Aber zurück zur Gegenwart. In Wahrheit benutzen wir als Ariadnefaden für den vermeintlich richtigen Weg, im Stillen unsere Gedanken über mögliche Vorteile und Nachteile für eine Entscheidung. Dazu habe ich im «Beobachter» eine Aussage von Bundesrätin Baume-Schneider gelesen, in der sie sagt: «Natürlich denken alle zuerst nur an uns selbst.» Diese Aussage ist bemerkenswert wahr. Also selten bis nie fragen wir nach Ethik und Moral. Wir beurteilen und entscheiden selbst  nach welchen egoistischen Kriterien wir unsere Fussspuren im Leben hinter uns lassen. Damit kann uns aber auch bewusst werden, dass der Mensch als Wanderer seines Lebens die Freiheit besitzt, menschenwürdig voranzuschreiten oder im Abseits stehen zu bleiben. Wir brauchen also Mut, Aufgeschlossenheit und Risikobereitschaft, um auf unbekanntes Territorium weiter zu gehen. Darum wird es bei eigenen täglichen Lebensgewohnheiten schwierig werden, einen neuen Weg anzulegen, anstelle des bereits vorgetrampelten Wegs weiter zu gehen.

Ich befasse mich hobbymässig mit Philosophie. Diese kann in manchen Lebenslagen eine echte Orientierungshilfe sein. Ich hatte letzthin Gelegenheit anlässlich einer Führung einen Kupferstich von 1688 des Philosophen Christian Thomismus erklärt zu bekommen. Man sieht darauf einen Wahrheitssucher an einer Kreuzung mit drei Wegen stehen.

Die Erklärung dazu: Der eine Weg führt zur Scheinwahrheit, der zweite Weg zur unbestimmten Philosophie und der dritte Weg zum eigenen Nachdenken. Welchen Weg würdet ihr wählen? Als nachdenkende Menschen galten bereits die Philosophen im Altertum. Sie entwarfen gegen mythische und religiöse Vorstellungen bewusst rationale Weltmodelle. Das kann man beispielweise bei Platon und anderen nachlesen. Es sind philosophische Wegweiser zum Nachdenken.

Das die Philosophie andererseits gesellschaftliche Auswirkungen hatte und hat ist unbestritten. Als richtungsweisende Lebensform wiesen bereits antike Philosophen wie Epikur oder die Stoiker darauf hin. Die vom Aufklärungsphilosoph Emanuel Kant erkannte «selbstverschuldete Unwissenheit des Menschen» bekämpfte er mit der Forderung: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.» Aber auch neuzeitliche Philosophen wie Sartre, Bertrand Russel oder Jürgen Habermas, prägten – wenn man sie beachtet –  unsere Gedanken für Entscheidungen auf dem eigenen Lebensweg.

Es ist Sache des Einzelnen

An dieser Stelle entschuldige ich mich dafür, dass ich bei meinen Ausführungen etwas vom Weg abgekommen bin. Aber es ist auch leicht, sich in philosophische Gedanken zu verlieren. Unwidersprochene Tatsache bleibt aber, dass die Entscheidung den wahrscheinlich richtigen Weg zu wählen in jedem Fall Sache des Einzelnen ist und keine Philosophie daran etwas ändern kann. Dabei möchte ich trotzdem nochmals betonen, auf einem Weg der bereits besteht, kann man zwar weiter gehen, aber diesen nicht neu entstehen lassen.  Wenn wir dies wollen, müssen wir den Weg verlassen, um mit unseren Spuren einen neuen, hinter uns liegenden Weg zu schaffen.

Das Schlusswort hat Eugen Roth, ein vielgelesener österreichischer Schriftsteller, mit einem Gedicht über  den Lebensweg.

 

Die Lebensleiter

Wir sehen es mit viel Verdruss,
was alles man erleben muss,
und doch ist jeder darauf scharf,
dass er es noch erleben darf.

Wir alle steigen ziemlich heiter
empor auf unsrer Lebensleiter.
Das Gute, dass wir gern genossen,
das sind der Leiter feste Sprossen.
Das Schlechte – wir bemerken’s kaum –
ist nichts als leerer Zwischenraum.

 

Der vorliegende Artikel basiert auf einen Vortrag, den der Autor zunächst in der Limmat-Loge und danach in der Kyburg-Loge gehalten hat.

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Harro Werner

Über den Autor

Harro Werner ist Odd Fellow und Mitglied der Limmat-Loge in Zürich

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