Der Ausdruck Intuition ist nach Meinung des deutschen Philosophen Dieter Birnbacher (*1946), Verfasser des Werkes «Analytische Einführung in die Ethik», in den letzten Jahren einem eigentlichen Inflationierungsprozess ausgesetzt worden. Dieser hat dazu geführt, dass das, was in der Ethik zurzeit mit «Intuition» bezeichnet wird, mit dem herkömmlichen Begriff der Intuition, wenig zu tun hat. Dasselbe lässt sich für die «moralischen Intuitionen» sagen, die der Moralphilosophie entstammen. Diese sind nichts anderes als Vormeinungen und beruhen auf Anmutungen oder auf anderen Arten von vortheoretischen, moralischen Überzeugungen. Intuitionen in diesem Sinne haben nichts mit den «Intuitionen» zu tun, auf die sich der «Intuitionismus» als Theorie der moralischen Erkenntnis beruft. Der Intuitionismus befasst sich mit Intuitionen, die einen Erkennungszugang zu moralischen Wahrheiten eröffnen. Moralische Wahrheiten sind Aussagen über richtiges und falsches Handeln, die objektiv als gültig betrachtet werden, unabhängig von individuellen Meinungen oder kulturellen Unterschieden.
Moralischer Realismus
Natürlich gibt es unterschiedliche philosophische Stellungsnahmen zu den herrschenden moralischen Wahrheiten. Eine dieser Stellungsnahmen ist der sogenannte moralische Realismus, der besagt, dass es objektive moralische Tatsachen gibt, die unabhängig von menschlichen Überzeugungen bestehen. Als Beispiel für eine objektive moralische Tatsache möge der Satz «Wir sollten nicht lügen!» dienen.
Ich stütze mich bei meinen Ausführungen unter anderem auch auf das Werk von Daniel Kahneman (1934-2024) tituliert «Thinking Fast and Slow». Der Autor erhielt dafür 2022 den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften. Kahneman war israelisch-amerikanischer Doppelbürger und lehrte an der Universität von Princeton in den USA. In Kapitel 21 des zitierten Werkes kommt Kahneman unter dem Titel «Intuition vs. Formulas» auf das Werk von Paul E. Meehl (1920-2003) zu sprechen. Meehl lehrte unter andrer Psychologie an der Universität von Minnesota. Kahneman hat Meehl allerdings nie persönlich getroffen. Meehl’s Hauptwerk «Clinical vs. Statistical Prediction: A Theoretical Analysis and a Review of the Evidence» habe ihn jedoch stark beeindruckt und daher zitiere er es in seinem Oeuvre «Thinking Fast and Slow».
Kahneman spricht sodann von Gary Klein (*1946). Klein war der intellektuelle Führer einer Gruppe von Wissenschaftern, die das Werk von Kahneman kritisch beurteilten. Die Gruppe nannte sich in Englisch NDM-Group, NDM steht für Naturalistic Decision Making. Die von Klein geführte Gruppe veröffentlichte 1970 das Buch «Sources of Power», wörtlich als «Quellen der Kraft» übersetzt. Darin untersuchten die Autoren, inwieweit Fachleute intuitive Fähigkeiten entwickelten. Kahneman versuchte die Gruppe für die Zusammenarbeit zu motivieren um das Thema Intuition, samt deren Schwachstellen, zu bearbeiten.
Die Kraft des Denkens, ohne zu denken
Die Gruppe-Klein lehnte Kahnemans Vorschlag ab. Mitten in dieser Diskussion erschien 2005 das Buch «Blink» des kanadischen Wissenschafts-Journalisten Malcolm Gladwell (*1963). Das Werk beschäftigt sich mit der Rolle der Intuition und erhielt von den Lesern und den Fachleuten die Zuschreibung, es würde die «Kraft des Denkens, ohne zu denken» befürworten. Malcolm Gladwell beschreibt dabei unsere Fähigkeit, auf Grund beschränkter Informationen, die einem engen Zeitraum entstammen, zu ganz grundsätzlichen Schlussfolgerungen zu gelangen. Diese Erscheinung befördert die Theorie der sogenannten spontanen Entscheide. Diese sind sehr oft ähnlich gut und sorgfältig bedacht wie ausgewogenen Entschlüsse. Das Charakteristische dieser kurzfristig gefassten Entschlüsse, ist sehr häufig in der Intuition des Entscheiders zu sehen.
Eine Quelle der Weisheit
Für Arthur Schopenhauer (1788-1860) ist die Intuition aber auch eine «Quelle der Weisheit», denn diese ist nach Schopenhauer etwas Intuitives und nicht etwas Abstraktes. Im Praktischen, so Schopenhauer, vermag die intuitive Erkenntnis des Verstandes unser Tun und Benehmen unmittelbar zu leiten, während die abstrakte Vernunft es nur unter Vermittlung des Gedächtnisses kann. Schopenhauer folgert daraus den Vorzug der intuitiven Erkenntnis für alle Fälle, die keine Zeit zur Überlegung gestatten
Diese Vorgehensweise beherrscht unseren täglichen Diskurs über weite Strecken. Wir begründen diese Haltung mit der Aussage, dass eben viele Menschen intuitiv handeln und nicht, wie der Volksmund sagt, alles, was sie sagen oder entscheiden auf die Goldwaage legen.
Der spanische Philosoph und Jesuit Baltasar Gracian y Morales (1601-1658) ist berühmt für seine folgende Aussage: «Denken wie die Wenigsten, reden wie die Meisten!» Damit legt Gracian Wert auf eine Haltung, die sich schon damals gegen das weitverbreitete Intuitive wendet.
Schopenhauer relativiert Gracians Aussage, denn er ist der Meinung, dass nur jener, der das Wesen der Menschen, wie sie in der Regel sind, intuitiv erkannt hat und die Individualität des Einzelnen akzeptiert, in der Lage ist, den Menschen sicher richtig zu behandeln. Darin sieht Schopenhauer das Entscheidende, das unsere Vorstellungen zwischen dem Intuitiven und dem Abstrakten trennt. Letzteres macht lediglich eine Klasse von Vorstellungen aus, die den Menschen, so Schopenhauer, vom Tier unterscheiden. Es ist das Intuitive, das sich, so Schopenhauer, mit der sichtbaren Welt oder mit der ganzen Erfahrung und mit den Möglichkeiten und Bedingungen befasst. Daraus folgert der deutsche Philosoph: «Die Weisheit, die wahre Lebensansicht, der richtige Blick und das treffende Urteil ergeben sich aus der Art, wie der Mensch die anschauliche Welt auffasst. Das blosse Wissen des Menschen und die daraus entstehenden abstrakten Begriffe sind nicht ausreichend, denn dieser Prozess des Erkennens bedarf der Intuition.» Gemäss Schopenhauer ist die Intuition dabei nicht nur hilfreich, sie ist unentbehrlich!