Als Mensch werden wir auf dem Lebensweg unserer Eltern geboren. Behütet laufen wir auf diesem, ihrem Weg, in den ersten Lebensjahren mit. Natürlich machen wir bereits da unsere ersten Erfahrungen, die mass-gebend sind auf unserem späteren Lebensweg.
Diese ersten sieben Jahre, sagt man, und ich denke das dies stimmt, sind immer prägend für jeden Menschen.
«Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr»
Was wir auf diesem Weg, wo wir uns sicher und geborgen fühlen, mitnehmen, müssen wir später nicht erlernen.
Die erste Weggabelung, eigentlich nur ein kleiner Fussweg parallel neben dem der Eltern, erfolgt mit der Einschulung. Zu unserer Zeit war dies im Alter von 6 / 7 Jahren. Die heutigen Kinder verlassen den Parallelweg der Eltern bereits mit 3 oder 4 Jahren. Der geschützte Rahmen der Eltern wird durch unser Schulsystem schon viel früher verlassen.
Die heutigen Kinder tun ihre Schritte in die erste Selbständigkeit also viel früher als wir es taten. Ist das für die Gesellschaft gut?
Ein neuer Wegabschnitt erfolgt mit dem Ende des offiziellen neunten Schuljahres. Wir verlassen den kleinen, parallel verlaufenden Weg neben den Eltern. Wir stehen an einer Kreuzung mit vier Richtungen, die allesamt Vorwärts gerichtet sind:
- die Berufswelt mit einer Lehre
- eine weiterführende Schule, wie Gymnasium, Uni, Fachschule
- einen Ortswechsel in einen fremdsprachigen Landesteil, oder Ausland
- oder wir lassen uns einfach treiben, da Unklar ist, welchen der drei anderen Wege wir gehen sollten.
Fakt jedoch ist, wir betreten von hier an unseren eigenen Weg, gemeint ist, unseren Weg, der nicht mehr parallel zu demjenigen unserer Eltern verläuft. Die Entscheidungen treffen wir je länger desto mehr selbständig. Auch die Verantwortung wird nun ganz auf uns übertragen. Mit dem vollständigen Erwachsen werden, sind wir eigener Herr und Meister über unsere Bewegungen, über unsere Schritte, in welche Himmelsrichtungen sie auch immer gehen mögen.
Ganz gleich welche Richtung wir nun wählen oder gewählt haben, es geht immer weiter vorwärts, manchmal mit grossen Schritten, manchmal ist ein vorwärtskommen fast nicht sichtbar, aber der Weg führt uns nie rückwärts.
Bei uns Frauen ist vielleicht beim Entscheid, welchen Weg wir gehen, noch die Frage der Familienplanung. Ein langes Studium macht ja keinen Sinn, wenn der Wunsch zur Mama und CEO einer Familie besteht, der Traum vom Eigenheim mit grossem Umschwung.
Der Mensch hat seine ersten Jahre mit der gewählten Berufsrichtung durchlaufen. Dadurch sind sicherlich neue Abzweigungen entstanden, die er frei betreten und gehen kann, oder aber auf dem «Hauptweg» (meine Bezeichnung) bleiben kann. Wir sind uns vielleicht gar nicht bewusst, dass wir wachsen mit jedem Schritt den wir auf unserem Weg weitergehen.
Irgendwann trifft der Mensch auf seinem Weg einen anderen Menschen, mit dem er gemeinsam weitergehen will. Es wird vielleicht geheiratet, Kinder werden geboren. Nun sind wir nicht mehr alleine unterwegs und somit auch etwas langsamer. Unsere Kinder laufen nun auf dem kleinen Fussweg parallel neben dem unsrigen, bis sie ihren eigenen Weg selbständig weitergehen.
Manchmal jedoch bringt uns der Weg nicht das gewünschte hervor. Schicksalsschläge, Einsamkeit, Verlassenheit und obwohl viele auf dem gleichen Weg unterwegs sind, fühlen wir uns alleine.
Gedanken quälen uns, haben wir das richtige gemacht? Haben wir eine Abzweigung verpasst und sind nun nicht mehr auf dem richtigen Weg?
Angst vor dem Ungewissen
Wenn wir an einem solchen Schneidepunkt sind, müssen wir etwas tun, handeln, etwas verändern. Wollen wir die Komfortzone verlassen und uns in unbekannte Gewässer wagen? Ist es nicht einfacher, wenn wir uns in bekannter Umgebung aufhalten?
Das Ungewisse macht uns Angst und lässt uns inne Halten. Oder trauen wir uns etwa gar nicht zum nächsten Schritt?
Doch was kann uns passieren? Vielleicht haben wir eine falsche Entscheidung getroffen. Nun gut, so müssen wir die Konsequenz daraus tragen und das Beste daraus machen. Und wie heisst es so schön:
«Durch Schaden wird man klug»
Wenn wir den Mut zum Handeln haben, können wir etwas verändern. Nicht immer ist eine solche Veränderung angenehm. Sie bewirkt jedoch, dass ein Wandel stattfindet und somit entsteht auch eine Veränderung im Umfeld.
Was macht man an einem Punkt, an dem man nicht mehr weiterweiss, keine Ahnung hat, was zu tun ist? Wie kann man diese Situation auflösen?
Einfach, die man einen Schritt vorwärts geht, sich in Bewegung setzt. Denn bevor sich ein Wandel vollziehen kann, muss man den ersten Schritt wagen und sich in Bewegung setzen. Dies führt dazu, dass ein neuer Weg entsteht, mit jedem weiteren Schritt, den man geht.
Tuen wir ersten Schritt in eine neue Richtung
Was bedeutet dies für uns Odd Fellows. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Flexibilität eine grosse Bedeutung hat. Tradition und Beständigkeit von moralischen und ethischen Werten einerseits und gesellschaftliche Verantwortung, Schnelllebigkeit und Wertewandel andererseits, begründen eine dauerhafte Herausforderung, der es sich zu stellen gibt.
Der Orden hat durch seine Struktur und Arbeitsweise viele Möglichkeiten sich diesen Anforderungen zu stellen. Damit etwas entstehen kann, muss der Weg erst gegangen werden und nicht umgekehrt.
Dies ist unsere Gelegenheit als Odd Fellows.
Tuen wir ersten Schritt in eine neue Richtung, hören wir auf unsere Intuition, lassen wir uns davon leiten und geben dem Wandel Raum, damit etwas Neues wachsen kann.
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es nicht einfach sein wird, aber wenn wir nie vergessen, dass Toleranz, Wertschätzung, Achtsamkeit unsere Begleiter seinen sollten, so können wir etwas bewirken mit diesen Schritten.
Etwas Neues, etwas Gutes, etwas, dass uns selbst widerspiegelt. Wenn wir als Odd Fellows, als Menschen erst mal in Bewegung seid, verändert sich das Umfeld automatisch.
Ich persönlich bin überzeugt, dass unser Weg bereits bei der Geburt klar definiert ist, wir wissen es nur nicht mehr. Der Wandel vom Bebe zum Kleinkind, vom Teenager zum Erwachsenen hält uns immer in Bewegung. Gehen wir also diesen Weg bewusst.
Mit kleinen Schritten können wir grosses Bewegen.
Falsche Entscheide bewirken vielleicht einen Umweg, den wir brauchen oder der uns zu etwas viel Besserem und Wichtigeren bringt.
Darum sollte jede und jeder versuchen, auf die innere Stimme zu hören oder auch auf die Intuition, dann wird man immer den für sich allerbesten Weg wählen.
Aber wenn man das nicht tut, dann wird man einen Umweg machen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Doch wolgemerkt: jeder Weg führt am Ende an den Bestimmungsort der Gehenden
«Wege entstehen dadurch, dass man sie geht» – Packen wir es alsoan!
Und bedenkt, auch ältere Menschen befinden sich immer noch auf dem Weg. In der dritten Lebensphase können immer noch Veränderungen bewirkt werden.
Ich wünsche allen viel Kraft und Energie, sich in Bewegung zu setzen, damit der Weg entstehen kann, den man gehen hat.
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um einen Vortrag, den die Autorin an der OM/UM-Tagung 2024 zum Jahresthema «Wege entstehen dadurch, dass man sie geht» gehalten hatte.