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Brücken zwischen Mensch und Gemeinschaft

Wenn wir von Ritualen sprechen, denken wir leicht an eine Zeremonie. Dies kann eine von einem Priester geleitete religiöse Handlung sein oder auch ein Stammesritual in einer Region Afrikas.
Brücken zwischen Mensch und Gemeinschaft
Viele kleine Rituale durchziehen unseren Alltag: ein gemeinsames Essen gehört dazu. Bild: Elisabeth Guarcello

Rituale und Symbole begleiten die Menschheit nahezu seit ihren Anfängen. Als der Mensch zum ersten Mal um sich blickte und anschliessend zum Himmel aufsah, bemerkte er, dass die Sonne Wärme spendet, am Abend verschwindet und am nächsten Morgen wieder aufgeht. Er beobachtete, dass der Mond die Nacht erhellt und fortwährend seine Gestalt verändert. Und er erkannte, dass der Wind da ist, obwohl wir ihn nicht sehen können.

Mächtiger als wir selbst

Aus diesen Beobachtungen könnte der Gedanke entstanden sein, dass diese Erscheinungen mächtiger sind als wir selbst oder dass hinter ihnen Götter stehen, die alles erschaffen haben – uns Menschen eingeschlossen. Wir begannen, sie darzustellen: zunächst auf Höhlenwänden und Gefässen, später versuchten wir, ihnen in Form von Statuen eine Gestalt zu geben. Den Göttern wurden Symbole zugeordnet, die wir bei uns trugen, bewahrten und manchmal sogar um den Preis unseres eigenen Lebens verteidigten.

Es entstanden Zeremonien und Rituale. Einige von ihnen verschwanden im Laufe der Zeit, andere veränderten sich und blieben in irgendeiner Form bis heute erhalten. Sie wurden Bestandteil unseres Glaubens und unserer Denkweise. Durch unsere Kleidung, unsere Ringe und andere Schmuckstücke wurden sie auch nach aussen sichtbar.

Ein Ritual ist jedoch nicht bloss eine Abfolge verschiedener Handlungen, die von bestimmten Worten begleitet wird. In den Logen versetzt es uns in einen Raum und eine Zeit, die nichts mit der äusseren, profanen Welt zu tun haben. Mit dem Eintritt in die Loge betreten wir einen anderen Raum und zugleich eine andere Art von Zeit.

Hier empfangen uns das Ritual und die Symbole. Sie laden uns dazu ein, erneut zu erleben, was sie für uns bedeuten und welchen Platz sie in unserem Leben einnehmen. Wie schon seit Jahrtausenden erinnert uns das Ritual auch heute daran, woher wir kommen und wohin wir gehen. Es erinnert uns an den Weg, auf dem wir uns befinden. Die Symbole verstärken dieses Erlebnis – sei es die Sonne oder die Bruderkette.

Symbole schreiben nichts genau vor

Dasselbe Symbol kann jedoch für jeden Menschen etwas anderes bedeuten. Symbole schreiben uns nicht genau vor, wie wir sie zu verstehen haben. Sie legen uns keine Gebrauchsanweisung vor, in der steht, was wir über sie denken sollen. Obwohl wir häufig versuchen, ihre Bedeutung über mehrere Seiten hinweg zu erklären, sprechen sie doch zu jedem Menschen in seiner eigenen Sprache.

Der Mond kann bei einem muslimischen Menschen andere Assoziationen hervorrufen als bei einem christlichen. Auch die Sonne konnte für einen Menschen im alten Ägypten etwas anderes bedeuten als für einen Griechen. Gerade deshalb sind Symbole so besonders: Sie sagen uns nicht, dass wir sie ausschliesslich auf eine bestimmte Weise verstehen dürfen. Vielmehr geben sie uns die Freiheit, uns ihnen aufgrund unserer eigenen Erfahrungen und Gedanken zu nähern. Ein Bild sagt manchmal tatsächlich mehr als Worte.

Aber ist ein Leben ohne Rituale überhaupt möglich? Ich glaube nicht. Denken wir nur daran, wie viele kleine Rituale unseren Alltag durchziehen: die gewohnte Art aufzustehen, zu essen oder schlafen zu gehen. Selbst die Zubereitung des Kaffees erfolgt meistens in derselben Reihenfolge. Auch nach einem langen Schlaf beginnen wir den Tag gewöhnlich mit denselben vertrauten Bewegungen.

Rituale helfen uns dabei, unser Leben, um wiederkehrende Handlungsabläufe zu ordnen. Dadurch vermitteln sie uns Sicherheit oder zumindest das Gefühl von Sicherheit. Und das ist gut so. Ohne sie würden wir uns wahrscheinlich oft verloren fühlen.

Sie können uns im Alltag Halt geben. Sie schaffen einen Raum, in dem wir durchatmen und einen Moment zur Ruhe kommen können. Denken wir nur an den Kaffee oder Tee am Vormittag oder am Nachmittag, vielleicht begleitet von einem kleinen Stück Gebäck. Auch dies sind Rituale, die wir Tag für Tag, mehr oder weniger zur gleichen Zeit und mit denselben Handgriffen vollziehen.

Die Rituale einer Loge gehen jedoch über persönliche Gewohnheiten hinaus. Sie werden nicht allein, sondern innerhalb einer Gemeinschaft vollzogen. Ihre Teilnehmenden sind keine blossen Zuschauer, sondern werden selbst zu einem Teil des Geschehens. Jede Bewegung, jedes Wort und jeder Augenblick kann eine Bedeutung besitzen.

Die festgelegte Ordnung des Rituals hilft uns dabei, unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst und aufeinander zu richten. Die vertrauten Worte, Bewegungen und Symbole können bei jeder Zusammenkunft dieselben sein. Wir selbst verändern uns jedoch im Laufe der Zeit. Deshalb kann dasselbe Ritual in unterschiedlichen Phasen unseres Lebens immer wieder etwas anderes zu uns sagen.

Einladung zum Nachdenken und zum Erinnern

Die Symbole sind dabei keine blossen Dekorationselemente. Sie befinden sich nicht nur an den Wänden, auf der Kleidung oder auf den verwendeten Gegenständen. Sie laden uns zum Nachdenken und zum Erinnern ein. Manchmal kann ein einziges Symbol mehr über eine Gemeinschaft aussagen als Regeln und Erklärungen, die sich über viele Seiten erstrecken.

In der Loge spricht das Symbol deshalb nicht nur den einzelnen Menschen an. Es verbindet ihn zugleich mit der Gemeinschaft. Eines der vielleicht schönsten Beispiele dafür ist die Schwester- und Bruderkette.

Die drei ineinandergreifenden Kettenglieder der Odd Fellows stehen für Freundschaft, Liebe und Wahrheit. Jedes der drei Glieder besitzt für sich genommen eine eigene Bedeutung. Ihre eigentliche Kraft liegt jedoch in ihrer Verbindung. Gemeinsam bilden sie eine Einheit, so wie auch einzelne Menschen erst durch ihre Verbindung miteinander eine wirkliche Gemeinschaft entstehen lassen können.

Auch in der Freimaurerei bringt die Bruderkette die Zusammengehörigkeit zum Ausdruck. Hier ist die Kette jedoch nicht nur ein dargestelltes Symbol. Bei bestimmten Gelegenheiten wird sie von der Gemeinschaft selbst gebildet. Indem sich die Brüder miteinander verbinden, bilden sie einen Kreis oder eine Kette, in der jeder Einzelne zu einem Kettenglied wird.

Die beiden Traditionen bringen somit denselben Grundgedanken auf leicht unterschiedliche Weise zum Ausdruck. Das Symbol der Odd Fellows spricht durch drei miteinander verbundene Kettenglieder von den Werten, die eine Gemeinschaft zusammenhalten. Die freimaurerische Bruderkette wiederum lässt unmittelbar erleben, dass der Einzelne selbst Teil eines grösseren Ganzen ist.

Ausdruckstarkes Symbol der Bruderkette

In einer Kette ist kein Glied wichtiger als ein anderes. Jedes besitzt seinen eigenen Platz und seine eigene Aufgabe. Wenn ein Kettenglied schwächer wird oder zerbricht, verliert die gesamte Kette an Kraft. Wenn die einzelnen Glieder einander jedoch halten, kann eine Stärke entstehen, die weit über die Kraft des einzelnen Menschen hinausgeht.

Vielleicht ist gerade deshalb das Symbol der Bruderkette so ausdrucksstark. Es verlangt nicht von uns, dass wir alle gleich sein müssen. Es fordert uns vielmehr dazu auf, uns miteinander zu verbinden. Auch die einzelnen Kettenglieder verschmelzen nicht miteinander. Jedes behält seine eigene Form und ist dennoch untrennbar mit den anderen verbunden.

Die Bruderkette symbolisiert damit zugleich die Freiheit des Einzelnen, seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und die Verantwortung, die wir füreinander tragen. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht nur darauf angewiesen sind, von anderen gehalten zu werden. Auch wir selbst müssen diejenigen halten, die mit uns verbunden sind.

Rituale und Symbole gehören somit untrennbar zusammen. Das Ritual gibt dem Symbol einen Raum, eine Zeit und eine Handlung. Das Symbol wiederum verleiht dem Ritual eine Bedeutung, die über die gesprochenen Worte und ausgeführten Bewegungen hinausgeht.

Ohne das Ritual könnte ein Symbol zu einem blossen Bild oder Gegenstand werden. Ohne Symbole könnte ein Ritual seine Tiefe verlieren und zu einer sich wiederholenden Abfolge von Handlungen werden. Erst im Zusammenspiel beginnen beide zu leben.

Dabei liegt ihre Bedeutung nicht allein in ihrer jahrhundertealten oder sogar jahrtausendealten Geschichte. Sie entsteht immer wieder neu durch die Menschen, die ihnen begegnen, sie betrachten und gemeinsam erleben. Auch wenn dieselben Worte gesprochen, dieselben Bewegungen ausgeführt und dieselben Symbole verwendet werden, ist kein Ritual vollkommen gleich. Denn die Menschen, die daran teilnehmen, bringen jedes Mal andere Gedanken, Erfahrungen und Gefühle mit.

Vielleicht brauchen wir Rituale und Symbole gerade deshalb bis heute. Sie erinnern uns an das, was im Lärm des Alltags leicht verloren gehen kann: an unsere Herkunft, an unseren Weg, an unsere Werte und an die Menschen, mit denen wir verbunden sind.

Die Bruderkette macht dies auf besondere Weise sichtbar. Jeder von uns bleibt ein eigenständiges Glied mit einer eigenen Form, einer eigenen Geschichte und einer eigenen Aufgabe. Dennoch gehören wir zu einem grösseren Ganzen. Wir werden gehalten – und zugleich tragen wir die Verantwortung, andere zu halten.

Rituale und Symbole geben uns keine endgültigen Antworten. Sie stellen Fragen, öffnen Räume und laden uns dazu ein, ihre Bedeutung immer wieder neu zu entdecken. Vielleicht liegt gerade darin ihre bleibende Kraft.

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Elisabeth Guarcello

Über den Autor

Elisabeth Guarcello ist Gastautorin der OFZ. Sie zertifizierte PSI- Kompetenzberaterin & Transkulturelles Coaching (MAS)» studiert. Danach war sie als Kommunikationsberaterin für Business- und Privatleute unterwegs sowie als freiwilliger Job-Coach für Jugendliche in Zürich.

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