Gewiss kann es das sein, aber es ist ein ebenso schwieriges wie edles Unterfangen. Mit dem Denken wird es wohl klappen, schliesslich sind unsere Vorstellungskraft und unser Einfühlungsvermögen gut geschult und ebenso offen wie tolerant.
Aber wie sieht es mit dem Handeln aus?
Sagen wir einmal so: Wer schnell mit allem zufrieden ist, nicht hinterfrage, der kann auch ein gutes Leben führen – scheinbar! Influencerinnen zeigen uns zum Beispiel, wie es geht, nach eigener Ansicht ein gutes Leben zu führen, ohne gross denken zu müssen.
Ein unerschütterlicher Glauben hilft auch dabei, sich in einem guten Leben zu wähnen: Wenn ich nur fest genug daran glaube, dass die Erde eine Scheibe ist, dann wird das zu meiner Wahrheit und alle andern sind im Unrecht. Allein mein Leben ist das richtige, das gute Leben.
Es kommt also nur darauf an, wie tief die Latte ist, oder eben wie hoch. Doch bei einer sehr tief angesetzten Latte kann es passieren, dass irgendwann die Welt der «Tiefdenker» über sie zusammenbricht und ein gutes Leben wird zu einem verpassten Leben.
Wollen wir den Weg des edlen, hilfreichen und guten Menschen beschreiten, den uns Goethe am Schluss einer jeden Rituellen Sitzung weist, ist es auch ungewiss, wie weit wir kommen können oder wollen. Was uns der Dichterfürst hier in unseren Rucksack steckt, wiegt zunächst einmal schwer, nehmen wir doch damit die ganze Schwere der Philosophie des humanistischen und ethischen Denkens und Handelns mit. Es könnte fast sein, dass wir mit diesem Rucksack vielleicht gar nicht vom Fleck kommen.
Schon nur das Denken kann hier besonders schwerfallen. Glauben wir dem Philosophen Odo Marquard, der sich selbst gerne als «Transzendental-Belletristen» bezeichnete, dann ist Philosophie genau genommen, «wenn man trotzdem denkt». Halten wir es also mit seiner «Trotzdemdenkerei» und denken nicht quer, nicht queer, sondern einfach.
Denken wir einfach und begeben uns auf den Weg zum guten Leben, denn wahrscheinlich ist es so, wie mit vielen grossen Vorhaben: Am Ende wird der Weg das Ziel sein.