Als junger Typograph arbeitete ich in den Sechzigerjahren in einer Druckerei, dessen Chef aktiv in der Winterthurer Kyburg-Loge wirkte. Jeden Monat wurde hier das Monatsprogramm gedruckt. In diesen Programmen war von Ballotage, Ritueller Sitzung, Gradenloge oder Brudermahl die Rede. Wir scherzten, was diese Begriffe bedeuten sollten. Fragten wir unseren Chef, so sagte er leicht genervt, dass seien Handlungen, die nur die Logenmitglieder verstehen würden – «aber es geht alles mit rechten Dingen zu.». Mehr war von ihm nicht zu erfahren. Heute würde der Chef wahrscheinlich sagen, wir sollten an die nächste Gästeloge kommen, dann würden wir alles «Geheimnisvolle» erfahren. Damals aber wurde eisern geschwiegen und nicht zu Unrecht kursierte der Begriff «Geheimbund».
«Eine merkwürdige Gesellschaft»
Viele Jahre später wurde ich persönlich angefragt, ob ich Mitglied bei der Kyburg-Loge werden wolle. Informationen, was mich in der Loge erwarten würde, erhielt ich nur spärlich. Es sei ein Männerclub, ein Diskussionsforum mit guter Kameradschaft und ein Ort, wo man ethische Werte pflege, hiess es. Nachdem eine Dreierdelegation in dunklen Anzügen in unserer Stube gesessen hatte, sagte meine Frau, dass sie aus den Worten dieser Herren nicht klug geworden sei. «Eine merkwürdige Gesellschaft», meinte sie.
Ich trat dann 1984 dieser «merkwürdigen Gesellschaft» dennoch bei. Man könne ja wieder austreten, wenn es mir nicht passe. Nun, was mich erwartete, war teils schon etwas überraschend, vor allem die Einführungsfeier. Dann aber lebte ich mich gut ein, hielt die gewünschten Vorträge, wurde Sekretär und später Untermeister.
Verstärkte Öffnung
Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung kam die Loge nach der Jahrtausendwende nicht darum, sich verstärkt zu öffnen. Vor allem neue und jüngere Mitglieder strebten danach, dem negativen Ruf, die Loge sei eine Geheimgesellschaft, entgegenzuwirken.
Als ich 2008/09 Obermeister war, begannen wir in Winterthur mit regelmässigen Gästelogen. Es folgten Tage der offenen Tür, Publikumsanlässe und das Mitwirken an humanitären Veranstaltungen. Ein Höhepunkt waren sicher die öffentlichen Jubiläumsfestlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Loge im Jahre 2023, verbunden mit guter Medienpräsenz.
Gefördert wurden die Bestrebungen in all den Jahren auf Bundesebene auch von der Grossloge und der Ordensleitung, in der ich von 2011 bis 2016 mitwirken konnte. Ein zeitgemässes Kommunikationskonzept, ein erneuertes Erscheinungsbild, angepasste Rituale und öffentliche Auftritte sind Beispiele dafür. Nicht immer ging dass ganz einfach, aber heute werden die Neuerungen und Veränderungen von der Bruderschaft weitestgehend mitgetragen.
So hat sich seit meinem Logenbeitritt vor über 40 Jahren bei den Odd Fellows vieles verändert, ohne dass unser humanistisches Gedankengut in irgend einer Weise beeinträchtigt worden wäre. Der Orden hat heute ein einigermassen zeitgemässes Profil, an dem es weiter zu arbeiten gilt.