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Die Farbe Grau kann auch schön sein

Auf den ersten Blick hat das Wort Grau an sich weder eine positive noch eine negative Bedeutung, obwohl viele Menschen es lieber mit einem negativen Inhalt in Verbindung bringen würden.
Zwei Hände von zwei verschiedenen Personen greifen ineinander. Die eine Person ist dunkelhäutig, die andere weiss. Im Hintergrund sieht man Blätter einer Baumkrone

Das mag daran liegen, dass jeder in seinem Leben schon einmal graue, eintönige Erfahrungen gemacht hat, wenn er mit langweiligen, deprimierenden oder gleichgültigen Dingen konfrontiert wurde. In einem anderen Sinne kann Grau auch bedeuten, sich zwischen zwei moralischen Extremen zu befinden. Aber müssen wir wirklich die oben genannten Adjektive auf das arme Wort anwenden?

Grau ist nur eine der vielen Farben, ohne die das Leben langweilig wäre. Wenn wir alles in Schwarz und Weiss sehen, gibt es keine Übergänge, keine so genannten Grauzonen. Viele Menschen denken und konstruieren ihre Welt in Schwarz-Weiss: Für sie gibt es entweder etwas Gutes oder etwas Schlechtes, ein Dazwischen gibt es nicht (wie im Binärcode, bei dem Informationen durch eine Folge von zwei verschiedenen Symbolen dargestellt werden, wie 1/0 oder wahr/falsch).

Nur zwei extreme Stufen
Binäres Denken bringt unser Leben durcheinander. Es ist oft die Grundlage, auf der wir andere und uns selbst beurteilen (schematisieren) und engt unser Blickfeld ein (wie ein Pferd, das Scheuklappen trägt). In der klinischen Psychologie ist Dichotomie ein absolutes Denkmuster und eine kognitive Voreingenommenheit, bei der man die Dinge nur in zwei extreme Stufen oder Kategorien einteilt und ignoriert, dass es dazwischen noch eine Grauskala gibt. Oft merkt man es gar nicht und ist schon dabei andere in Schubladen zu stecken: der eine ist depressiv, der andere Alkoholiker, der dritte hat eine Essstörung, der vierte lacht über alles. Oder wenn man sich die Mühe macht, in sich selbst hineinzuschauen, denkt man: Ich bin ein Mensch mit Sinn für Humor (oder auch nicht), einer guten Auffassungsgabe, klug, schön, hässlich, dick oder dünn (und so weiter). Es sind zwei verschiedene Dinge, ob diese Adjektive der Realität entsprechen oder nicht (und noch ein Gedanke: Weiss irgendjemand von sich selbst, dass er nicht schlau, sondern einfach nur dumm ist?).

Unser innerer Kritiker
Das Alles-oder-nichts-Denken unseres inneren Kritikers ist ein guter Trick, um uns daran zu hindern, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln und in ständiger Angst zu leben, dass wir morgen auf der Verliererseite des Lebens stehen und dann keine Chance mehr haben auf die Gewinnerseite zu kommen.

Unser innerer Kritiker denkt gerne in Extremen. Für ihn ist etwas entweder gut oder schlecht, schön oder hässlich, wertvoll oder wertlos, schwarz oder weiss. Er kennt das Wort Mittelmass oder Durchschnitt nicht. Für ihn besteht die Welt nur aus Extremen, ohne Grautöne oder Farben. Für ihn ist er entweder ein Heiliger oder der leibhaftige Satan, ein Versager oder ein Sieger, ein Held oder ein Schwächling. Unser Kritiker kennt also nur das Gute und das Schlechte und beurteilt unser Verhalten nur an diesen beiden Extremen. Für ihn gibt es kein lauwarmes Wasser, sondern nur kaltes und heisses Wasser; es gibt keinen zweiten oder dritten Platz, sondern nur den ersten und letzten Platz. Wenn Sie eine falsche Entscheidung treffen, nennt er uns einen Versager, ganz gleich, wie viele richtige Entscheidungen Sie in der Vergangenheit getroffen haben.

Unser innerer Kritiker versucht uns also einzureden, dass es immer nur um alles oder nichts geht, eine Frage von Leben und Tod. Er bringt uns dazu in Kategorien zu denken und zu versuchen, uns und andere mit Zahlen zu «messen». Auf der einen Seite ist das verständlich, denn durch das «Klassifizieren» können wir besser einschätzen, wer was für ein Mensch ist und wo wir ihn in unserem Leben einordnen sollten (und wo nicht). Wenn wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, kann das ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermitteln. Das Problem ist, dass niemand weiss oder schwarz ist: Jeder ist bunt. Und Farben haben Schattierungen, genau wie Grau. Schwarz-Weiss-Denken spiegelt also nicht die Realität wider.

Warum Schwarz-Weiss-Denken schädlich ist
Warum ist das schädlich? Wir kritisieren entweder uns selbst zu sehr (ich bin gut oder schlecht) oder andere. Wenn wir selbstkritisch sind, können wir uns nicht verbessern, weil wir zu selbstkritisch sind und unsere Fehler und Schwächen nicht realistisch sehen. Unser Selbstbild ist statisch (und verzerrt), und wehe dem, der es wagt, uns zu kritisieren! Es gibt keinen Fortschritt und die Fähigkeit, sich die Kritik anderer anzuhören, ist gleich null. Ich nenne das Tunnelblick.

Extreme belasten die zwischen- menschlichen Beziehungen und wir verwenden oft Adjektive wie «immer», «ständig» usw. Zum Beispiel: Du hörst mir nie zu, du reagierst immer so. Wir «kleben» verschiedene Stempel auf den anderen und vergessen dabei, dass niemand perfekt ist, jeder hat Fehler (so wie wir); das heisst: wir sind fehlbare Menschen (mit dieser Einstellung stellen wir uns praktisch über andere, ergo: «Gott-Syndrom»).

Wenn wir das Gefühl haben, dass diese Woche alles sehr schlecht war, dass in unserem Leben nie etwas Gutes passiert, dass es immer Probleme gibt, die nie enden, dann sind wir in die Falle des binären Denkens getappt. Auch hier ist es wichtig das Spektrum zu erkennen und die Dinge aus der Vogelperspektive zu betrachten. Emotionale Distanz und eine andere Darstellung der Dinge (weglassen von Adjektiven und Adverbien) helfen uns, uns von unserer aktuellen Perspektive zu distanzieren. Das Leben ist komplizierter und wir erleben überall Höhen und Tiefen.

Die Meinung anderer Menschen über uns spiegelt oft besser wider wie wir uns in einer bestimmten Situation verhalten, als wir uns selbst sehen (selbst wenn ich zu 100 Prozent davon überzeugt war, dass ich nett war, aber in der Wirklichkeit ein Trottel- Idiot-Dummkopf und habe die andere Person bis zur Blutgrenze verletzt). Deshalb schadet es nie tief durchzuatmen und ein paar Minuten innezuhalten bevor wir reagieren (was oft eine Abwehrreaktion ist). Vielleicht ist es besser, der anderen Person zuzuhören und zu sehen, ob sie etwas Kluges zu sagen hat, von dem wir lernen können? Selbst wenn wir das Gefühl haben, dass die andere Person uns mit einem Hammer auf den Kopf schlägt. Vielleicht ist der Stein zu hart?

Mit ruhigem Denken, dem vorübergehenden Ignorieren unserer Emotionen und dem Verstehen des Standpunkts des anderen kann ein emphatischer Ansatz sehr hilfreich sein. Auf diese Weise können wir uns hinterher besser fühlen und nicht so, als hätte uns jemand einfach in den Boden gestampft.

Die Perspektive eines Kindes
Ausgewogenes Denken, die Überzeugung, dass wir in einer Situation nüchtern reagieren und uns beruhigen können, kann uns helfen, ein besseres Leben zu führen. Das Ändern unserer Denkweise erfordert Übung, es kommt nicht von selbst. Die Perspektive eines Kindes ist von einer Schwarz-Weiss-Sicht geprägt. Auch sie lernen langsam, mit viel Übung und Geduld von ihrer Umgebung, dass die Farbe Grau an sich schön sein kann.

Es geht nicht darum, unsere Emotionen auszublenden (das sollten wir nicht, denn sie würden wieder auftauchen), sondern sie zu berücksichtigen. Es sollte bewusst werden, dass ich jetzt zum Beispiel wütend bin und am liebsten Teller auf den Boden schmeissen würde – aber ich werde es nicht tun. Das Ziel sollte es sein, unsere Denkmuster bewusst zu machen und uns dadurch in die Lage zu versetzen, sie neu zu formulieren und zu verändern. Die binäre Funktion an sich, die Schwarz-Weiss-Sicht, per se, ist nicht schlecht: sie schützt mich vor Überlastung (zum Beispiel muss ich nicht stundenlang jeden Menschen «untersuchen», um zu sehen, was für ein Mensch er ist) und gibt mir kurzfristig Sicherheit (weil ich meine Umwelt beziehungsweise mich selbst «kenne»), das heisst sie überlastet mein Gehirn nicht, weil ich mich nicht mehr damit beschäftigen muss. Doch je weniger binär wir denken und je mehr wir akzeptieren, dass das Leben vielfältig und komplex ist, desto besser geht es uns. Für uns selbst und für andere. Meine Persönlichkeit wird nicht durch mein Verhalten, meine Handlungen definiert. Nur weil ich mich wie ein Idiot verhalte, bin ich noch lange kein Idiot. Das Beste ist, zu akzeptieren, wenn ich Fehler mache: «Ich bin ein Mensch, der Fehler macht, aber das ist nicht das Ende der Welt. Jeder macht Fehler. Ich werde eine weitere Chance im Leben haben, auch wenn ich es diesmal vermasselt habe.»

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen «bunte» Tage.

Foto: Uwe Guntern

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Elisabeth Guarcello

Über den Autor

Elisabeth Guarcello ist Gastautorin der OFZ. Sie zertifizierte PSI- Kompetenzberaterin & Transkulturelles Coaching (MAS)» studiert. Danach war sie als Kommunikationsberaterin für Business- und Privatleute unterwegs sowie als freiwilliger Job-Coach für Jugendliche in Zürich.

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