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Die Philosophin Nora Kreft ist wissenschaftliche Mitarbeiterin
an der Humboldt-Universität in Berlin und forscht zu den Themen Liebe und Autonomie. In ihrem Buch «Was ist Liebe Sokrates?» wählt sie eine besonders imaginäre und geistreiche Art um das Thema Liebe aus der Sicht der Philosophie zu beschreiben: Immanuel Kant (1724–1804) lädt verschiedene Philosophen zu einem Abendessen in sein Haus nach Königsberg. Bei der fiktiven Tafelrunde treffen sich Philosophen aus unterschiedlichsten Epochen: Sokrates (469–399 v.Chr.), Au- gustinus (354–430), Simone de Beauvoir (1908–1986), Søren Kierkegaard (1813–1855), Sigmund Freud (1856–1939), Max Scheler (1874–1928) und Iris Murdoch (1919–1999
Nach Königsberg zum Dinner
Die Diskutanten über die Liebe vertreten die Philosophie der letzten 2400 Jahre! Sie wundern sich über Kants Einladung, denn dieser fiel nicht durch besonderes Interesse am Thema Liebe auf.
Wir möchten dem Leser die Teilnehmer am Abendessen im Hause Kant kurz vorstellen:
Sokrates kommt aus Athen, wo er auf dem Marktplatz die Mitbürger in philosophische Diskussionen verwickelt. 399 v. Chr. wird er zum Tode verurteilt, angeblich hatte er die Götter verhöhnt und die Athener Jugend durch seine Gedanken verführt. Kant hat ihn nach Königsberg zum Dinner eingeladen, denn er sieht im Athener einen Kollegen, der sich in seinem Werk intensiv mit der Liebe befasst hat. Augustinus wurde 354 nach Christus im heutigen Algerien geboren. 386 bekannte er sich zum Christentum. Zehn Jahre später wurde er zum Bischof von Hippo gewählt. Vor seiner Bekehrung zum Christentum war Augustinus verheiratet und Vater eines Kindes. Er wurde wegen seines unüblichen Lebenslaufs zum Nachtessen nach Königsberg eingeladen.
Der Gastgeber Immanuel Kant war nie verheiratet und hat zur Liebe ein ambivalentes Verhältnis, dennoch interessiert er sich für die Meinung der Kollegen zum Thema Liebe.
Søren Kierkegaard aus Kopenhagen hat Erfahrung in der Liebe auch wenn er die Verlobung mit Regine Olsen (1822–1904), die Liebe seines Lebens, wieder auf- löste.
Sigmund Freud, Neurologe und Begründer der Psychoanalyse hatte mit seiner Frau Martha Bernays (1861–1951) sechs Kinder und Erfahrung in der Liebe.
Max Scheler (1874–1928), Professor für Philosophie und Soziologie in Köln hat in seinem Werk fest- gestellt, dass die Liebe den Weg zu einem höheren Wert des Geliebten ermöglicht und zwar des- halb, weil sie den höheren Wert spürbar werden lässt.
Scheler hat in seinen jungen Jah-ren vom Judentum zum Katholizismus konvertiert. Wegen seiner Philosophie über die Liebe erfuhr er jedoch Kritik von katholischen Stellen, worauf er sich vom Katholizismus wieder distanzierte.
Simone de Beauvoir (1908–1986) wurde in Paris geboren und schloss ihr Philosophie-Studium an der Sorbonne mit der Bestnote ab. Sie war Lehrerin und freie Schriftstellerin sowie existentialistische Philosophin. Mit Jean-Paul Sartre (1905–1980) lebte sie in einer offenen Beziehung ohne je zu heiraten. Damit wollte sie den Frauen zeigen, dass die eigene Selbständigkeit auf jeden Fall gewahrt werden müsse.
Iris Murdoch wurde 1919 in Dublin geboren. Sie lehrte Philosophie in Oxford und wurde vor allem durch ihre Romane bekannt. In ihrem literarischen Schaffen und im Lehramt ist die Liebe ein herausragendes Thema, dabei steht die Frage im Zentrum, wie der Geliebte richtig zu sehen sei um ihm auch gerecht zu werden. Mit dem Literaturwissenschaftler John Bayley (1925–2015) führte Iris Murdoch eine offene Beziehung.
Wir wollen uns auf zwei Diskussionsbeiträge konzentrieren: der von Sokrates zur Weisheit der Liebe und jener von Simone de Beauvoir über die Frage, inwieweit die Liebe unsere Autonomie einschränkt.
Die Weisheit der Liebe
Sokrates will wissen, ob die Liebe etwas mit Weisheit zu tun habe. Zu Beginn seiner Ausführungen bringt der Athener die Priesterin Diotima ins Spiel. Sie ist eine Figur von Platon (427–347v.Chr.), der sie in seinem Werk «Symposion», aus der sogenannten mittleren Schaffensperiode, als philosophische Lehrerin von Sokrates vorstellt. Platon lässt in seinem Stück Diotima über die Diskussionen mit Sokrates über Liebe und Begehren berichten. Für Sokrates ist Diotima allerdings eine reale Figur, die ihm in Sachen Liebe vieles beigebracht habe.
Wie dem auch sei, in Platons Werk »Symposion» fragt Diotima Sokrates, was Liebe denn bedeute? Sokrates gesteht der Tischrunde, dass ihn diese Frage viele schlaflose Nächte gekostet habe und er letztlich nur mit Hilfe der Fragestellerin Diotima zum Schluss gelangte, dass Liebe eine Art von Begehren sei.
Diotima präzisierte diese Aussage von Sokrates und ergänzte, dass wir nur solche Dinge begehren, von denen wir glauben, dass wir sie noch nicht besitzen.
Sokrates habe jedoch bereits eine Frau, die er liebe. Wenn er daher etwas begehre, dann sei es ein Mehr an Liebe seitens seiner Frau Xanthippe. Sokrates war mit der Antwort von Diotima offenbar nicht einverstanden, denn er hatte sich in seinem Begehren eher mit dem Beispiel von Kierkegaard befasst, der schon ein bestimmtes Buch habe und daher sich dasselbe nicht mehr wünsche, dafür aber ein anderes…!
An der Reaktion der anderen Gäste musste Sokrates jedoch feststellen, dass diese seine Meinung nicht teilten und er besser geschwiegen hätte.
Liebe muss nicht etwas Gutes sein
Simone de Beauvoir behandelt das Thema, inwieweit die Liebe unsere Autonomie einschränke und sie stellt sich die Frage, warum die Tischrunde davon ausgehe, dass Liebe à priori etwas Gutes ist?
Liebe mache doch ziemlich oft auch unglücklich. Dies trifft vor allem liebende Frauen im Patriarchat, denn diese, so de Beauvoir, würden sich für ein Leben entscheiden, das sich an den Überzeugungen des Mannes ausrichte und ihre eigenen ignorieren und verkümmern lasse. Selbst ihre eigene Liebe, so Frau de Beauvoir, nehme die liebende Frau nicht ernst und riskiere damit unbewusst das Ende der Eigenliebe. Simone de Beauvoir erwähnt jedoch, dass das eigene Glück der Frau in einer Liebesbeziehung auch darin bestehe, sowohl die eigene wie auch die Autonomie des Partners zu stärken. Daraus leitet de Beauvoir zwei Fragen ab, die sie jedoch auseinanderhalten will. Die eine Frage betrifft unsere Autonomie zu lieben oder nicht zu lieben. Diese Frage kontrastiert mit der Tatsache, dass man Liebe nicht kontrollieren und aktiv wählen kann. Die zweite Frage betrifft die Erscheinung, dass wenn Liebe einmal da ist, die Frage, ob sie gut oder schlecht sei, für die Autonomie der Liebenden, eher in den Hintergrund tritt.
Simone de Beauvoir stellt sodann einen Bezug zur Verletzlichkeit des Menschen her. Aus der Tischrunde kommt dazu der Hinweis, dass verletzlich zu sein, ein Zustand ist, der dem Leben auf Erden entspricht. Mit zunehmender Zeit, die der Mensch auf Erden verbringt, entgleitet ihm alles und die voranschreitende Zeit nimmt es mit und seine Verletzlichkeit steigt.
Simone de Beauvoir leitet daraus ab, dass dies auch für eine Liebesbeziehung gilt und wir darum lernen sollten, den Anderen gehen zu lassen. Sie unterstreicht dabei ihre Vorstellung, dass wir auch spüren müssten, wenn der Andere gehen will. Der Schmerz, den wir dabei spüren, wenn der Andere geht, gibt uns zu verstehen, dass der Gehende eigentlich unersetzlich ist.
Simone de Beauvoir erkennt in der Verletzlichkeit des Liebenden zwei Aspekte: Zum einen ist die Verletzlichkeit ein Zeichen der Besonderheit und der Unersetzbarkeit des Anderen und zum zweiten ist es zugleich Zeichen eines Angstgefühls, das uns zum Festhalten des Anderen verleitet. Sie stellt fest, dass die Liebe und die Nähe gegenüber dem Anderen, die Schmerzen und die Gefahren wert sind, um ihn nicht zu verlieren.
Gestärkt durch diese Erkenntnis, verlassen wir die imaginäre Tafelrunde der Philosophen zum Thema Liebe im Hause Kant in Königsberg.