Menschen begleiten uns eine Weile. Einige bleiben für immer, denn sie hinterlassen Spuren in unseren Herzen. Manchmal ist es ganz einfach die richtigen Worte zu finden, wenn wir sie nur auszusprechen wagen.
Manchmal müssen wir die Worte suchen, die dem Anderen guttun, ohne dass diese als billige Schmeichelei erscheinen. Manchmal fehlen uns die Worte ganz, die einen Mitmenschen motivieren, aufmuntern oder trösten können. Manchmal ist es einfach ein «herzliche Anteilnahme», das beschreibt, was wir sagen wollen und empfinden.
Eine gute Freundin hat mir erzählt, dass ihr 98-jähriger Vater gesagt habe, dass er vielleicht bald sterben würde, und sie hat ihm, dem Vater, den sie über alles liebte und achtete, spontan geantwortet: «Du hast lange genug gelebt, du kannst in Frieden sterben.» Sie ist noch heute überrascht, dass ihr spontan diese Worte über ihre Lippen kamen.
In eine andere Welt gehen
Ihr Vater ist kurz darauf gestorben und es war, als ob er verstanden hätte, dass er jetzt sein irdisches Dasein in Frieden abschliessen könne. Für sie, und da bin ich mit ihr einig, ist ihr Vater nicht einfach gestorben. Er ist in eine andere Welt gegangen und manchmal reden sie noch immer miteinander, wenn auch auf einer anderen Ebene.
Viele Menschen müssen, bevor sie unsere Welt verlassen, noch etwas abschliessen. Sei es mit sich selbst oder mit jemand anderem.
Als junge Erwachsene lernen wir, dass wir vermutlich einmal unsere Eltern zu Grabe tragen werden. Das können wir noch verstehen. Wenn es dann eintrifft, sind wir trotzdem sehr betroffen.
In meiner Familie war es so, dass ich einen Tag vor Ostern meine Mutter besuchte. Dabei ist mir nicht aufgefallen, dass wir über Sachen geredet haben, die wir sonst nie erwähnten. Sie hatte für meine Frau Ruth und mich wie jedes Jahr ein Osternest bereitgestellt und ich habe ihr geantwortet, nächstes Jahr genügen zwei Osternester nicht mehr. Eigentlich wollten Ruth und ich dieses Geheimnis noch bewahren, denn das «Bäuchlein», welches die Schwangerschaft offenbart hätte, konnte man noch nicht erkennen. Ich hatte mich also mit meiner spontanen Äusserung verplappert, wir haben uns gemeinsam sehr gefreut, dass bald eine Tochter in unsere Welt kommen würde.
Stunden später fuhren meine Mutter und mein Vater mit einer Reisegruppe nach Florenz. Sie erfüllten sich damit einen lang ersehnten Wunsch. Beeindruckt von dieser Reise kamen sie am Ostermontag müde, aber glücklich nach Hause. Meine Mutter legte sich, wie jeden Abend hin, und ihr Herz hörte auf zu schlagen.
Diese Nachricht hat mich am nächsten morgen früh erreicht und mich umgehauen. Wir hatten doch am Donnerstag ein so gutes Gespräch, waren kerngesund und haben uns riesig gefreut, dass bald ein neuer Erdenbürger zu uns kommen würde und sie endlich die lang ersehnte Reise nach Florenz machen konnte.
Ich habe mehrere Wochen gebraucht, bis ich verstehen konnte, dass das Gespräch vor Ostern das Gespräch war, in welchem wir noch alles erzählt haben, was wir noch unbedingt erzählen mussten. Wir haben es nur vorher nicht als solches erkannt.
Das war meine Bekanntschaft mit Trauer und sie hat mich heftig getroffen.
Wissen wir es unbewusst?
Inzwischen sind über 40 Jahre vergangen und ich würde es noch immer bereuen, wenn ich mich damals nicht verplappert hätte und die Schwangerschaft preisgegeben hätte. Sie hat ihre Enkelin nie gesehen, aber sie hat es gewusst. Meine Mutter ist nicht vergessen und ich habe ich meinem Freundeskreis einige Freunde, die ähnliche Abschiedserlebnisse hatten.
Wissen wir also unbewusst, dass wir bald eine massive Veränderung in unserem Umfeld erdulden müssen und jemand der uns nahe steht in eine andere Welt gehen wird?
Ich glaube wir wissen es mindestens unbewusst. Ich glaube auch, dass es etwas über uns gibt, was uns führt und solche Treffen arrangiert.
So gross auch der Schmerz ist, haben wir uns doch gebührlich voneinander verabschiedet und bei allen Erlebnissen dieser Art, von denen ich inzwischen viele kenne, sind wir zur Erkenntnis gelangt: Wir haben noch alles besprochen und es war ein würdiger Abschied.
Mit der Trauer ist auch die Frage verbunden «Wie geht es weiter?» Als Trauernde wissen wir es oft nicht. Warum sie, warum er? Wir hätten noch eine so gute Zeit haben können. Wir müssen den Schmerz erdulden und uns neu orientieren.
Wenn wir einen Menschen verlieren, der uns nahe war, dann werden wir uns der eigenen Endlichkeit bewusst. Schön ist es, und meistens auch hilfreich, in diesen Momenten einen guten Freund zu haben, der uns geduldig zuhört. Das Leben geht weiter und wir müssen sehr tapfer sein. Wir müssen Abschied nehmen von einem Menschen, der uns sehr nahe war.
Zeit, sich auseinander zu setzten
Trauern heisst auch: Wir bekommen Zeit uns mit uns und unserer Zukunft im Stillen auseinander zu setzen.
Einer meiner Wegbegleiter hat, wenn er sah, dass ich wieder orientierungslos war, zu mir gesagt: «Hans-Peter schau in den Spiegel. Da kannst du deinen Weg sehen!» Ich habe ihm regelmässig geantwortet: «Das tue ich ja», aber da ist nichts!» «Dann hast du nicht richtig geschaut!», war dann seine Antwort.
Mit der Zeit habe ich in «meinem» Spiegel mehr und mehr Sachen entdeckt, die mir meinen Weg gezeigt haben und wenn ich ihm davon erzählt habe, sagte er «Siehst du, du hast vorher nur nicht richtig geschaut!» und ich erwiderte: «Das stimmt und alles, was ich da entdeckt habe, war schon immer da, ich habe es nur nicht gesehen!» Dann haben wir beide zusammen herzhaft gelacht.
Es geht weiter
Ich möchte mit diesem Text aufzeigen, was mit uns passiert, wenn wir einen lieben Menschen verlieren. Dass wir erkennen können, wann unser Leben erfüllt ist, die eigene Angst vor dem Verlassen dieser Welt verlieren und diesen Schritt annehmen können. Dass die Hinterbliebenen erkennen können, es geht weiter.
Da können Freunde sehr hilfreich sein. Freundschaft heisst auch, sich an jemandem anlehnen zu können oder von der anderen Seite her betrachtet, jemandem Kraft und eine neue Perspektive zu geben. Was ich bewusst machen will, ist, dass Trauer ein Abschnitt unseres Lebens ist, dass es vor der Trauer ganz viele Lebensabschnitte gibt, auf die wir uns meistens vorbereiten können, während die Trauer uns oft unverhofft trifft.
Wir wissen es schon lange, dass wir diese Welt einmal verlassen werden. Es geht mir um das Verstehen, dass wir diese Welt nicht einfach verlassen und dann weg sind. Diese Welt zu verlassen heisst, von dem Traum, den wir Leben nennen, zu erwachen und in eine andere Welt zu gehen.
Ich versuche zu zeigen, dass unsere Mitmenschen oft unbewusst sich auf den Übertritt in eine andere Welt vorbereiten und wissen, dass es bald so weit ist und dies manchmal bewusst oder unbewusst mit uns kommunizieren.
Loslassen können
Es geht in diesem Abschnitt des Lebens darum, loslassen zu können und in Frieden und Gelassenheit diese unsere Welt zu verlassen. Wir sind dann auch nicht einfach weg. Wir sind nur in einer anderen Welt.
Wir haben eine Seele. Noch niemand hat eine gesehen und trotzdem gibt es sie. Sie wohnt in unserem Körper und macht unsere Persönlichkeit aus. Sie geht in eine andere Welt, um irgendwann wieder in einem Körper zu uns in unsere Welt zu kommen. Ich persönlich glaube, wir waren schon oft in dieser Welt und wir kommen immer wieder.
Vor ein paar Monaten war ich zu einer Jubiläumsfeier eines Hospizes eingeladen. Nach einer kurzen Begrüssung durch die Hospizleiterin hat sie mich gefragt, ob ich nachher noch kurz für ein Interview mit einer Journalistin zu Verfügung stehen würde. Das Gespräch hat schlussendlich weit über eine Stunde gedauert, weil es einfach viel zu bereden gab.
Wir haben festgestellt, dass viele Sterbende spüren, dass sie bald in eine andere Welt gehen werden. Viele brauchen in dieser Zeit Menschen, die ihnen nahe sind. Sie brauchen Geborgenheit und Zuneigung statt Distanz. Einen Menschen auf diesem Weg zu begleiten ist deshalb ein Freundschaftsdienst.
Bob Marley hat es einmal in einem Song beschrieben. «Schau in dein Inneres!» Viele alte Menschen bedauern, nie mutig genug gewesen zu sein, um eigene Träume zu verfolgen und stattdessen den gesellschaftlichen Erwartungen hinterhergerannt sind.
Wer sich verstellt hat, merkt oft spät den Nachteil davon. Man lebt im Konflikt mit sich selbst und leidet langfristig darunter. «Sich selbst lieben, ist das grösste Geschenk» das man sich machen kann. Es ist auch nie zu spät damit anzufangen. Sehr oft bedauern Menschen am Ende ihrer Tage zu viel gearbeitet zu haben und wesentliche Momente im Familienleben versäumt zu haben. Um daran etwas zu ändern ist es jetzt zu spät. Vielleicht gibt es reale Gründe, zum Beispiel eine berufliche Situation, welche nicht mehr Zeit für die Familie zugelassen hat. Man kann das immer erklären und kann, dadurch aufhören sich selbst Vorwürfe zu machen. Das ist auch eine Art mit sich selbst Frieden zu machen.
Alle diese Punkte können uns helfen unseren inneren Frieden zu finden und ganz friedlich von dem Traum, den wir Leben nennen, zu erwachen und in eine andere Welt zu gehen.
Was soll von uns in Erinnerung bleiben?
Zum Schluss fragte die Journalistin mich: «Was möchten wir, das von uns bei unseren Freunden, Bekannten und Verwandten in Erinnerung bleibt?» Von meinem Bruder weiss ich, dass er sich wünscht, bei den Begleitern seines Lebens möglichst lang in guter Erinnerung zu bleiben.
Ich hingegen würde mir wünschen, dass jemand an meinem Grab eine Träne um mich weint. Damit würde er oder sie uns und mir sagen: «Wir waren uns sehr nahe und unsere Beziehung war von grosser Bedeutung und Geborgenheit, die wir nun in der bisherigen Form nicht mehr haben werden.» Das ist Trauer – das ist Schmerz – Seelenschmerz.
Die Trauer ist die Zeit danach. Sie ist die Zeit, die wir die Hinterbliebenen brauchen, um loszulassen und uns auf einen neuen Lebensabschnitt einzustellen. Diese Zeit, die wir für diesen Prozess brauchen ist so individuell wie wir selbst. Es ist ein Prozess in uns und er lässt sich nicht abkürzen.
Wenn wir von Trauer betroffen werden, sollten wir uns die Zeit nehmen dieses Tal der Trauer zu durchwandern, um die Trauer eines Tages abschliessen zu können. Die Erinnerungen werden bleiben und das ist gut so.
Und zum Schluss noch dies:
Vor zirka 30 Jahren hat jemand in einer Talk-Show gesagt: «Wenn man merkt, dass man von früher erzählen kann, dann ist man alt!» Ich war noch keine 40 Jahre alt und fühlte mich auf keinen Fall alt, obwohl ich schon von früher erzählen konnte. Es musste also eine andere Theorie her. Jetzt habe ich eine gefunden.
Alt sind wir, wenn die Kerzen auf dem Kuchen mehr kosten als der Kuchen.
Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um einen Vortrag, den der Autor am 19. November 2025 in der St.-Ursen-Loge in Solothurn gehalten hat.