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Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar 

Auf dem Grab der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) steht zu lesen. «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.»
Dachboden, Illusion
Für den italienische Philosophen Gianni Vattimo muss der Einzelne sich seine eigene Vision der Welt schaffen. Foto: leistungsfotografie.ch/ma

Der Satz stammt aus der Rede, die Bachmann 1959 in Bonn bei der Verleihung des Hörspielpreises für Kriegsblinde gehalten hat. Wörtlich sagte Bachmann: «Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich, ist den Menschen zumu- tbar.»

Ein zweites Gesicht

Das gilt auch für die unmögliche Wahrheit, die nach dem Stand der Erkenntnisse, gar keinen Bestand hat. Diese Wahrheit hat aber ein zweites Gesicht: Die unmögliche Wahrheit ist oft Synonym für die unzumutbare Wahrheit und diese gibt es, so Ingeborg Bachmann, nicht. Ich werde versuchen, den Leser mit den beiden Gesichtern der unmöglichen Wahrheit zu be- fassen.

Die «unknown flying objects», eben UFOs, stehen beispielhaft für eine unmögliche Wahrheit, denn seriöse Forscher gehen davon aus, dass es in den Weiten des Universums wahrscheinlich ausser- irdisches Leben gibt. Doch die Ent- fernungen, so die Forscher, seien zu gross, als dass bald mit dem Besuch von UFOs auf unserem Planeten zu rechnen ist. Dennoch gibt es viele Augenzeugen, die UFOs gesehen haben wollen. Erzählen uns die Beobachter von UFOs eine unmögliche

Wahrheit, d. h. eine unzumutbare, die es nach Ingeborg Bachmann nicht gibt? Der US-Geheimdienst hat 2021 einen Bericht veröffentlicht, der eine interessante sprachliche Änderung enthält: Der Bericht spricht nicht mehr von UFOs, son- dern von UAP, was sogenannte «unidentified aerial phenome- non» sind. D. h. man spricht fortan von undefinierbaren Erscheinungen in der Luft, die z. B. von amerikanischen Militärpiloten beobachtet werden konnten.

Mit der neuen Sprachregulierung übernehmen die USA, ohne sich dabei wahrscheinlich bewusst zu sein, die Lehre von Immanuel Kant (1724–1804). Kant versteht den Phänomenalismus als eine Vorgehensweise, die Gegenstände nur so erkennt, wie sie uns er- scheinen und nicht wie sie an sich sind. Damit entfällt auch die Frage der nach der Wahrheit des Seins der gesichteten Gegenstände.

Es spielt im Wesentlichen keine Rolle, ob UFOs oder UAP, bei beiden handelt es sich um Phänomene, die eine, aus der Sicht der Sachverständigen, unmögliche Wahrheiten abbilden, die durch den Stand der Forschung einstweilen keinen Bestand haben.

Peter Strasser (*1950) ist ein österreichischer Philosoph, der 2019 sein sehr aufschlussreiches Werk «Die ganze Wahrheit» publizierte. Im Zusammenhang mit der Zumutbarkeit von Wahrheit verweist Strasser auf die «selbstverschuldete Blindheit», wie er sagt, die die Menschen in Österreich wählten, als sie beschlossen, die Zeit der Nachkriegsdemokratie im Jahre 1945 einzuläuten. Man wollte so schnell wie möglich die Schrecken des Krieges vergessen, vor allem wollte man nichts mit der eigenen Verstrickung zu tun haben und den Satz von einer Mitschuld am Krieg am liebsten gar nicht mehr hören.

Die unzumutbare Wahrheit von einer Mitschuld wurde zur unmöglichen Wahrheit, denn es ging die Rede davon, dass Österreich das erste Opfer der Naziaggression gewesen sei. Man schwieg über die Verfolgung und Ausrot- tung der österreichischen Juden und man vertrat mannigfache Einzelheiten, die der unmöglichen Wahrheit dienlich waren. Der Holocaust war tabu.

Die Menschen, so Peter Strasser, die er zu seiner Jugendzeit kennenlernte, zeichneten sich dadurch aus, dass sie angeblich nichts gewusst hatten und tat- sächlich nichts wissen wollten, besonders nicht über die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie.

Damit stellt sich die Frage, ob diese Menschen, die für sie unmögliche Wahrheit während der unmittelbaren Nachkriegszeit als unzumutbar erachteten und es in Kauf nahmen, wenn es den Opfern und ihren Angehörigen ebenfalls unzumutbar war, wenn für die Täter die Unzumutbarkeit der Wahrheit akzeptiert wird. Bei dieser Argumentation gelangen wir zu einer weiteren Frage, inwieweit die Wahrheit nicht auch warten müsse, bis alle bereit sind, ihr ins Auge zu sehen.

Peter Strasser vertritt die Meinung, dass der Mensch ein «wahrheitsstrebiges Wesen» sei. Es geht, so denken wir, nicht darum ob uns die Wahrheit zumutbar sei oder nicht. Strasser bezeichnet die Wahrheit als «grundlegender Wert» bei all unseren Bestrebungen mit der Welt und miteinander in Kontakt zu treten. «Gut möglich», so Strasser, «dass der volle Einblick in welche Wirklichkeit auch immer, ob der Gesetze des Lebens oder der Wünsche unseres Lebenspartners, uns zerstören, in den Wahnsinn treiben oder an den Rand des Selbstmordes bringen würde. Letzten den praktischen Nutzen für das Leben. Rorty schreibt dazu: «Wir sollten uns gleichmütig mit der Tatsache abfinden, dass alle unsere Urteile durch historische Zufälligkeiten bestimmt sind, die dafür gesorgt haben, dass wir über dieses Vokabular und nicht über jenes verfügen, dass diese Überzeugungen dem Common Sense zu entsprechen scheinen und nicht jene, dass diese Wünsche normal wirken und nicht jene. Diese zufälligen Umstände zu akzeptieren, würde dazu beitragen, dass wir mit den Formulierungen von Theorien der Wahrheit Schluss machen, also keine Theorien mehr aufstellen, die den Gedanken nahelegen, wir könnten dem durch Zufälligkeiten aufgezwungenen Ethnozentrismus irgendwie entkommen. Etwas allgemeiner formuliert, es würde uns helfen, die Hoffnung hinter uns zu lassen, die Philosophie werde irgendwann eine Verbindung herstellen zwischen uns und einer ahistorischen Instanz.

Im Werk «Philosophy and the Mirror of Nature», das 1979 erschien, stellt Rorty fest, dass die Interpretation der Wahrheit im Wesentlichen dazu diene, ohne eine Wahrheit zu leben, die in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ist. Damit kommt es zur Pluralisierung und Partikularisierung des Begriffes Wahrheit. Dafür steht auch die Aussage, dass jede Epoche der Geschichte ihre eigene kontextuelle Wahrheit habe, die temporär gültig sei.

Der italienische Philosoph Gianni Vattimo (*1936) erkennt im Fehlen der absoluten Wahrheit auch ein Zeichen dafür, dass es keine Autorität mehr gebe, die darüber entscheide was wahr und was unwahr sei.

Tatsächlich bewahrheitet sich heute Rortys Prognose aus dem Jahr 1979, der schon damals auf diesen Zustand hinwies. Für Vattimo muss der Einzelne sich seine eigene Vision der Welt schaffen. Gerade heute ist das kein einfaches Unterfangen, denn der Ruf der heutigen Meinungsmacher

ist angeschlagen und darunter leidet ihre Glaubwürdigkeit. Die Wahrheit, die von den Meinungsmachern verbreitet wird, ist nahe der Nicht-Wahrheit und für den Adressaten kaum mehr davon zu trennen.

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Fabio Dal Molin

Über den Autor

Fabio Dal Molin ist Odd Fellow und Mitglied der Helvetia-Loge, Zürich, sowie der Erasmus-Loge, Zürich

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