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Ehrfurcht und Leben – Vom Chaos zur Ordnung

Ehrfurcht vor dem Leben, die Suche nach seinem Ursprung und die Frage nach einer tragenden Ordnung verbinden sich zu einer gedanklichen Reise von den Anfängen der Schöpfung bis in die Gegenwart. Zwischen naturwissenschaftli-chen Erklärungen und metaphysischen Deutungen steht der Mensch vor der Herausforderung, Sinn, Verantwortung und Zusammenhalt immer wieder neu zu begründen – um dem Chaos nicht das letzte Wort zu überlassen.
Ehrfurcht und Leben – Vom Chaos zur Ordnung
Über Ehrfurcht und Leben nachzudenken, und welche Ordnung es braucht, um nicht wieder ins Chaos zu versinken, ist auf Erden nur dem Menschen gegeben. Foto: BILDOGRAPHIE.SWISS/rs

Bei der Auseinandersetzung mit der Ehrfurcht, lässt sich das von Begriff her schnell auf einen Nenner bringen, wie sich dies schnell aus Nachschlagewerken oder der KI ergibt. Dort wird formuliert, dass Ehrfurcht eine meist metaphysiche und religiös begründete menschliche Grundhaltung gegenüber einem höchsten Wert, zum Beispiel dem Leben, im religiösen Weltbild Gott und einer sinnvoll und gültig anerkannten Ordnung ist. Die Schwäche hierbei liegt beim Menschen und seiner Einstellung zu den Grundhaltungen, denn er muss die dabei erkannte oder anerkannte Ordnung auch für sich als gültig und sinnvoll sehen.

Hier kommen einerseits rein rationale und auch rein naturwissenschafttliche Betrachtungen zum Tragen, andererseits muss das unbestritten Unfassbare metaphysisch umschrieben und ohne Beweismöglichkeit anerkannt werden, sowie auch im «Freibrief» beschrieben, und als entsprechende Ordensregel in unserer Loge gelten.

Ausgangspunkt

Dies bringt mich zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen. Diese fasse ich zusammen mit der Lyrik eines unbekannten Dichters. Bekannt als das Wessobrunner Gedicht. Dieses Gedicht, vermutlich im frühen Mittelalter entstanden, begleitet mich seit meiner Schulzeit. Es lautet, wie es mir in Erinnerung blieb, wie folgt:

«Mir gestand der Sterblichen Staunen als das Grösste,

Dass Erde nicht war – noch Himmel,

Noch Baum da war, noch Berg,

Weder ein einziger Stern, noch die Sonne schien,

Noch leuchtete der Mond, noch die glänzende See.

Als da nichts war, and Enden und Wenden,

Da war doch der eine, allmächtige Gott»


Zur Entwicklung des irdischen Lebens

Bei dieser Ausgangslage bleibt aber die Frage nach dem Rätsel der ursprünglichen Entstehung des Lebens offen, und auch für unsere kleine Welt. Erklärbar, ist allenfalls, wie wir (Menschen) wurden was wir sind. Erklärbar ist nicht, woher wir kommen, sofern nicht im Gegensatz zu einem planvollen Verlauf angenommen werden müsste, dass auch die Evolution, die am Ende den Menschen hervorbrachte, nur ein purer Zufall war.

Wer über den Sinn des Lebens und auch unseres Lebens nachdenkt, muss sich zumindest die Anfänge vorstellen. Diese liegen aber im Dunkeln, sogar weit vor dem Urknall. Das Leben entstand aus Molekülen der «Ursuppe» und begann seine Karriere als Zelle. Fast drei Milliarden Jahre dauerte es, bis sich einzelne Zellen zu vielseitigen Organismen zusammenschlossen. Der erste Schritt zur Entstehung höherer Lebewesen.

In diesem Zusammenhang sei nur auf die die Grundprinzipien vom Darwin erinnert, mit seinen Antworten zum Kampf ums Dasein.

Heute lassen sich die allerersten Schritte des Lebens im Labor simulieren. Jedoch am Anfang der Erde und des Lebens war es chaotisch auf unserem Planeten, so, wie es schon die Bibel im Alten Testament beschreibt.

Ein Gemisch aus Eisen, Magnesium, Silizium, versetzt mit Nickel und Spuren anderer Elemente, umgeben von Wasserstoff und Stickstoff- keine repräsentative Versammlung, die sich am Rand der Milchstrasse zusammenfand, allenfalls ein chemisches Sammelsurium, diktiert nach dem Gesetz der Schwerkraft.

Wir wissen heute, dass alles irdische Leben auf zwei Bestandteile, nämlich auf Eiweiss und Nukleinsäure angewiesen ist. Dies sind Aminosäuren, die heute in der Retorte mittels elektrischer Entladungen aus Amoniak und Methan erzeugt werden können, wie vor Urzeiten durch die Energie von Blitzen ebenfalls erste komplizierte Moleküle und bestimmte Phosphatverbindungen als Grundstein der Erbsubstanz entstanden.

Ordnung entstand erst über den Zeitverlauf. Die Voraussetzung dafür war jedoch mit dem Schlüsselwort Kooperation gegeben.

War deshalb der Anfang des Lebens mit der Erfindung des genetischen Codes als genialer Idee Zufall, Eigen- oder Aussenprogrammierung? Lassen wir diese Frage offen.

Auf jeden Fall war am Anfang Gemeinsamkeit die Grundlage, das höheres Leben entstand. Freiwillig und unfreiwillig, manchmal auch, indem Kontrahenten verschlungen wurden, um neue Zelltypen entstehen zu lassen.

Welche unvorstellbaren Entwicklungsprozesse und Abläufe sind dies bis zum Menschen, dessen Anfänge erst am Ende der 500 Millionen Jahre vom Kambrium in der Periode des Quartärs vor 25 Millionen Jahren begann. Über Ehrfurcht und Leben nachzudenken, und welche Ordnung es braucht, um nicht wieder ins Chaos zu versinken, sondern wie am Anfang des Lebens durch Kooperation und Gemeinsamkeit die Zukunft zu gestalten, ist auf Erden nur dem Menschen gegeben.

Begabt mit Sprache, versehen mit Bewusstsein und im Besitz einer reichen Kultur betrachtet er sich gerne als Krone der Schöpfung.

Wie lange es uns in dieser Form noch geben wird, ist inzwischen in unsere Hände gelegt, wenn wir von ausserplanetarischen Einflüssen einmal absehen. Mutationen z. B. können auch durch menschliche Massnahmen oder ausser Kontrolle geratene Abläufe geschehen.

Untergängen ist aber auch zumeist Ordnung vorausgegangen, oder wiederkehrendes Chaos, damit danach wieder erneute oder eine bessere sinnvollere Ordnung entstehen konnte.

Dies scheint eine kosmische und eine übertragbare Gesetzmässigkeit zu sein, und dürfte auch für unseren Orden in seiner «kleinen Lebensspanne und Grösse» gemessen am Ganzen, zutreffend sein. Immerhin, 100 Jahre haben wir als LG 15 im Jahr 2025 auch schon geschafft.

Ob neue Generationen es wollen oder nicht, ohne Ehrfurcht zu und vor der Entstehung des Lebens und unserem eigenen Sein ergibt sich Zerstörung und Chaos .

Einige Assoziationen zu Grundlagen und Leitbildern des Ordens

Die massvolle Ordnung und Gemeinsamkeit ist deshalb, und wie bei unseren Ritualen, als notwendige Wiederholung von gemeinschaftsfördernden und geisteshygenischen Funktionen, zur Verhütung von kleinsten Übeln in kleinster Zelle wichtig. Dies um so mehr, wenn der Mensch sich als Krone der Schöpfung wähnt, um Zerstörungen oder Auflösungen durch die Wahrung einer sinnvollen, toleranten Ordnung zu vermeiden.

Sicher, dies war nie und ist auch heute kein einfaches Unterfangen. Es bedarf der ständigen Arbeit und Erneuerung, bedingt durch die laufende Veränderung der irdischen und auch unserer persönlichen Umwelt.

Nicht alles liegt in unserer Hand, schon gar nicht als Einzelzelle, oder im übertragenen Sine als Einzel-Loge.

Ideen und Ideale in der geeigneten und der heute angepassten Form nach aussen tragen und weitere Kooperationen zu finden und einzugehen ist sicher eine Möglichkeit die Zukunft des Lebens positiv zu gestalten, ausser jener, die jeder von uns für sich und mit sich selbst im kleinsten Kreis zu gestalten hat.

In dem Masse, wie die Erdbevölkerung zunimmt, aber auch Wohlstandsgefälle sich weiter auftun, wird die individuelle oder im Verbund nach aussen gerichtete Gestaltungsfreiheit von Fall zu Fall zunehmend eingeschränkt mittels einer wahrscheinlich nicht vermeidbaren Nivellierung durch Teilung im kleineren oder grösseren Rahmen, sowie der Annahme durch mehr Gemeinsamkeit.

Dies erfordert das bewusste Anerkennen von Ordnungsprinzipien, nicht nur in globaler Hinsicht, sondern auch im begrenzten Rahmen, wenn nicht erst Chaos als eine, wie bei der Evolution häufig notwendige Grundlage, für neue Ordnungen eintreten soll.

Viele Dinge sind und werden uns unverständlich bleiben.

So sollten wir nicht Zweifel an den Glauben und die Ideale unsres Ordens haben, denen wir uns mit Ehrenwort verpflichtet fühlen, trotz den um uns herum immer schlimmer werdenden Brutalitäten und Ungerechtigkeiten. Wahrlich, es fällt auch mir schwer zweifelsfrei zu bleiben, wenn die immer schlimmer werdende Not und die Missstände täglich in Realtime über den Bildschirm oder die sozialen Medien an uns herangetragen werden.

Die hohen Ideale der Loge, wie sie die Absichten der Odd Fellows beinhalten, lassen gemessen an der Realitätsnähe sicher verzweifeln, sollen aber gerade deshalb Herausforderung zur Einflussnahme und Veränderung sein.

Das sind Zweifel und Fragen, die wir als Menschen seit Anbeginn unserer Entwicklung auf dem Erdball haben, und mit denen wir uns auch weiter auseinandersetzen müssen. Hier spielen auch Fragen nach der Beziehung von Leben und Gerechtigkeit hinein, die so häufig keine Erklärung haben. Höchstens, wie klein alles hierarchische, aber auch alles persönliche davor schrumpft.

«Gott würfele nicht», soll Albert Einstein gesagt haben «und somit auch die Natur nicht». Dies schliesst den Menschen mit ein. Ist hier Ehrfurcht und Leben oder Chaos und Ordnung – egal auf welcher Stufe und in welcher Form einzugliedern?

Ich beziehe hier bewusst keine Position und setze den Anfang meiner Ausführungen als Ende:

«Mir gestand der Sterblichen Staunen als das Grösste,

Dass Erde nicht war – noch Himmel,

Noch Baum da war, noch Berg,

Weder ein einziger Stern, noch die Sonne schien,

Noch leuchtete der Mond, noch die glänzende See.

Als da nichts war, and Enden und Wenden,

Da war doch der eine, allmächtige Gott»

Ist dies die Antwort auf das, was uns bewegt, im Kleinen oder im Grossen, oder auf Fragen die wir uns stellen und die dennoch unbeantwortet bleiben?

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Manfred Hesse

Über den Autor

Manfred Hesse ist Odd Fellow und Mitglied der Schenkenberg-Loge in Aarau

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