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Eine kleine Geschichte über ein störendes Geräusch 

Eine kleine Geschichte über ein störendes Geräusch
Doch jetzt, in dieser Nacht, erkannte sie, dass gerade diese Verbindung die Musik so unendlich schön machte. Foto: leistungsfotografie.ch/eg

«Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.» Dieser Spruch von Wilhelm Busch, hing wie ein leiser Vorwurf in der Luft. Sophia hatte ihn oft gehört, doch nie hatte er so stark in ihr nachgehallt wie jetzt, in dieser stillen Nacht. Sie sass auf der Fensterbank ihres Zimmers, die Dunkelheit draussen war nur durch das schwache Licht des Mondes durchbrochen, das die Umrisse der alten Eiche im Garten beleuchtete.
Der Raum war still, doch in ihrem Kopf drängten sich die Töne des Tages. Das Klingeln des Telefons, das Brummen der Autos, das Rascheln von Papier – all diese Geräusche, die ihr Leben so selbstverständlich begleiteten, bildeten ein unentwirrbares Knäuel aus Lärm. Und dazwischen, fast verloren, die Melodien, die sie so sehr liebte. Musik, die sich zwischen das Alltägliche zwängte, verzweifelt nach einem Platz suchend, wo sie atmen konnte.
Aber immer wieder wurde sie übertönt, verdrängt von dem ständigen Rauschen, das uns heute umgibt. Sophia fragte sich oft, ob es überhaupt noch möglich war, die Musik wirklich zu hören, sie zu fühlen, wenn sie so sehr mit dem Lärm des Lebens verwoben war. Die sanften Klänge eines Klaviers, die zarte Stimme eines Sängers – sie alle kämpften darum, über das Dröhnen der Welt hinauszudringen, sich gegen das Unvermeidliche zu behaupten.
Als sie noch klein war, hatte ihr Grossvater einmal gesagt, Musik sei ein Moment des Staunens, ein Fest der Sinne. «Und heute,» dachte Sophia, «ist Musik nur noch ein Hintergrundrauschen. Wie konnte etwas so Wundervolles, so Lebendiges, nur als Rauschen wahrgenommen werden?» Sophia erkannte, dass die Musik sich in die Kulisse zurückgezogen hatte, zu einem flüchtigen Begleiter, kaum mehr als ein Echo der Stille.
Sophia seufzte und öffnete das Fenster. Eine leichte Brise trug den Duft von feuchtem Gras in den Raum, und für einen Augenblick war es, als würde die Natur selbst eine Melodie anstimmen. Ein leises Rauschen der Blätter, das Flüstern des Windes – es war eine Musik, die nicht mit Geräusch verbunden war, sondern aus dem Geräusch geboren wurde.
Vielleicht war es genau das, was die Musik ausmachte: Sie war untrennbar mit dem Geräusch verbunden, mit dem unaufhörlichen Fluss des Lebens, der sie umgab. Doch gerade in dieser Verbindung lag ihre Kraft, ihre Fähigkeit, das Chaos zu ordnen, das Rauschen zu durchdringen und einen Sinn zu finden, wo nur Lärm war.
Sophia schloss das Fenster wieder, aber die Stille hatte sich verändert. Sie war nicht länger eine blosse Abwesenheit von Geräuschen, sondern eine Bühne, auf der die Musik ihre leisen Töne tanzen liess. «Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden», murmelte sie leise. Doch jetzt, in dieser Nacht, erkannte sie, dass gerade diese Verbindung die Musik so unendlich schön machte.

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Uwe Guntern

Über den Autor

Uwe Guntern ist Redaktor der Odd Fellows Zeitschrift.

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