Eng miteinander verwoben sind Erinnerung und Erfahrung, denn neue Erfahrungen bauen stets auf Erinnerungen auf und umgekehrt kann gespeicherte Erfahrung durch die Erinnerung wieder abgerufen werden. So entsteht ein fortlaufender Kreislauf, in dem Erinnerungen unsere Erfahrungen prägen und Erfahrungen unsere Erinnerungen erweitern.
Nicht objektiv
Erinnerungen basieren auf Erlebtem und Erlerntem. Objektiv sind sie jedoch nicht. Wohl zu unserem Nutzen werden sie von vielen Faktoren beeinflusst und somit können sie sich ändern, verblassen oder gar ganz erlöschen. Wiederholtes Reaktivieren kann sie stärken oder schwächen, kann ihre Merkmale verändern und so uns täuschen. Dennoch sind sie existenziell für uns.
Erinnern kann bewusst aber auch eher zufällig sein. Das eine Mal rufen, beispielsweise, Beobachtungen, Gerüche, Laute oder Stimmungen Erinnerungen automatisch auf. Ein anderes Mal suchen wir ganz bewusst, vielleicht gar angestrengt danach, dies möglicherweise mit Erfolg, manchmal aber auch ohne oder erst mit verspätetem Erfolg. All unser Tun haben wir irgendwann mal gelernt und die Erinnerung macht das Erlernte präsent und anwendbar. Bewusst, mehrheitlich auch unbewusst, steuern Erinnerungen unser Tun und Handeln in der Gegenwart, helfen Entscheidungen zu treffen. Sie befähigen uns die Zukunft zu planen und zu gestalten, ermöglichen uns zu hoffen.
Nicht zu beeinflussen
Erfahrung ist erlebte und reflektierte Vergangenheit, auf die wir dank der Erinnerung zugreifen können. Erfahrung an sich können wir nicht beeinflussen. Durch unser Verhalten können wir nur auf die Möglichkeit von Erfahrung einwirken. Der Zeitpunkt der Erfahrung lässt sich dabei aber nicht bestimmen. Die Erfahrung müssen wir nehmen, wann und wie sie kommt.
Erfahrung ist die Grundlage aller Wissenschaft. Der von John Locke begründete erkenntnistheoretische Empirismus besagt, dass alles Wissen auf Erfahrung, auf Sinneswahrnehmung, der Beobachtung oder dem Experiment basiert. Durch unsere Sinne nehmen wir äussere Objekte wahr. Durch Reflexion verarbeiten wir diese Eindrücke zu Erfahrung und zu komplexen Ideen. Dadurch entsteht Wissen. Der Begriff «Erfahrung» wird auf vieles angewendet, zum Beispiel auf «befähigt sein», «sich in etwas auskennen», «mit jemandem oder mit etwas umgehen können» oder «andere einschätzen können». Obwohl es angenehme Ereignisse gibt, an die wir uns erinnern können, ist eine Erfahrung, im ursprünglichen Sinn des Begriffes, etwas Unangenehmes. Primär ist ihre Ursache eine enttäuschte Erwartung, etwas das nicht so gelaufen ist, wie man es erwartet hat.
Von Emotionen geprägt
Erwartung ist, wie die darauffolgende Erfahrung, individuell, sie ist von Emotionen geprägt und basiert auf einem persönlichen Wertsystem. Sie ist immer an zeitliche Sachverhalte, zeitliche Abfolgen gebunden. Sie gründet auf der Kausalität. Die Relation zwischen Ursache und Wirkung ist auch Bedingung der Erfahrungen. Erfahrungen werden gemacht, sie können nicht erdacht werden. Sie sind immer subjektiv, im Subjekt verankert und also an die Person gebunden, die die Erfahrung unmittelbar macht. Auf persönlicher Erfahrung und eigenem Denken basiert Wissen, das der denkenden Person zu eigen ist. Dieses Wissen, zusammen mit dem allgemeinen Wissen, das wir aus Informationen, zum Beispiel durch Unterricht oder Lesen, uns aneignen, bildet unser gesamtes Wissen, auf das wir wiederum nur über die Erinnerung zugreifen können.
Alle Gegenwart, alles, was ist, alles, was wir erleben, unsere Wahrnehmungen, unsere Empfindungen, unsere Erkenntnisse und Erfahrungen, alles, was wir lernen, wird in der Vergangenheit aufbewahrt. Der Schlüssel zu dieser Vergangenheit ist die Erinnerung. Einzig sie ermöglicht es uns, Erfahrungen aus dem Vergangenen zu schöpfen, um es so in der Gegenwart zu nutzen und für die Zukunft dienstbar zu machen. Entscheidungen treffen wir nicht dank Erfahrung, sondern nur dank der Erinnerung, das heisst, wir agieren aus der Erinnerung an Erfahrungen. Erinnerung ist das mentale Wiedererleben vergangener Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen. Erinnerung ermöglicht die Reflektion wiederkehrender Beobachtungen und bereits gemachter Erfahrungen, was Zusammenhänge bewusst und Kausalitäten erkennbar macht und so bestehende Erfahrungen vertieft und neue erst ermöglicht. Erfahrung ist nie abgeschlossen, sondern bleibt immer offen für weitere Erfahrungen.
Die Gegenwart ist nur ein kurzes Zeitfenster. Ein kurzer Moment und schon ist das Ist der Gegenwart ein War in der Vergangenheit. Neben der allgemeinen Vergangenheit gibt es die in unserem autobiographischen Gedächtnis gespeicherte eigene Vergangenheit, die für uns von entscheidender Bedeutung ist. Dank der Erinnerung und der gemachten Erfahrungen, sind wir das, was wir sind. Die beiden formen uns zum Individuum. Unsere Persönlichkeit, unser Sein ist wesentlich, wenn nicht ausschliesslich, dadurch geprägt.
Was wären wir ohne die Erinnerung?
Ohne Erinnerung könnten wir wohl kaum existieren. Unser Leben wäre ein zusammenhangloses Aneinanderreihen von Momenten, was keinen Sinn ergäbe. Ohne die Erinnerung wüssten wir nicht, was sich im unmittelbar vorherigen Moment ereignet hat. Somit gäbe es, als Beispiel, für uns keine Musik. Wir würden laufend nur Laute vernehmen, die wir zu keiner Melodie verbinden könnten, da uns die vorangehenden Töne nicht mehr zugänglich wären, nicht nachklingen könnten. Schlimmer noch, wir könnten nicht kommunizieren, denn was habe ich mitzuteilen, wenn ich nicht mehr weiss, was eben geschah, ganz zu schweigen von dem, was länger zurückliegt. Ich könnte keinen Satz bilden und schon gar nicht auf die Aussage eines Gegenübers reagieren, ich erinnerte mich ja nicht, was mir eben mitgeteilt wurde oder was ich bereits gesagt habe. Wir könnten nicht lesen, denn wir könnten den erfassten Zeichen keinen Sinn zuordnen. Kurz, wir hätten keine Verbindung zu unserer Umwelt. Ohne Erinnerung wären wir in einer Abfolge von Momenten isoliert.
Es gäbe für uns keine Zeit, kein Zeitempfinden. Selbst eine Uhr würde nicht helfen, denn wir würden nur einzelne, in sich isolierte Zeigerstellungen wahrnehmen, zwischen denen wir keine Dauer erkennen könnten. Um uns herum würde sich die Welt verändern, Zeit würde ablaufen, nur könnten wir dies nicht wahrnehmen. Für uns gäbe es keine Vergangenheit, da wir auf Verflossenes nicht zurückgreifen könnten. Ohne Rückgriff auf die Vergangenheit gäbe es keine Erfahrung, keine Entwicklung. Wir könnten uns nicht organisieren. Es gäbe für uns keine Zukunft und somit auch keine Hoffnung, denn unsere Vorstellung von Zukunft entsteht im Kombinieren erinnerter Erfahrung. Kurz, wir wären ein Nichts, mit einem Lichtblick: uns wäre dies nicht bewusst und folglich würde es uns auch nicht stören.
Zum Glück haben wir die Erinnerung. Wissen entsteht durch Erinnerung und kann nur dank ihr genutzt werden. Erlebnisse, die besondere unverbundene und nicht gedeutete Momente sind, gewinnen erst dank der Erinnerung eine bewusste Bedeutung und werden durch Reflexion zu Erfahrungen, die Entwicklung ermöglichen und die massgebend Einfluss auf Erwartungen und Entscheidungen haben. Dank der Erinnerung helfen uns unsere Erfahrungen den Alltag zu bewältigen und unser zukünftiges Verhalten besser an die Erfordernisse der Umwelt anzupassen. Hoffnung greift auf Erinnerung zurück, die verbunden ist mit gelungenen, lebensstärkenden Ereignissen. Ja, was wären wir ohne die Erinnerung!