Die Geschichte der Menschen ist unter anderem geprägt von der unterschiedlichen Auffassung von Wahrheit. Insbesondere für den «wahren» Glauben sind immer wieder Kriege entfacht und Menschen massakriert worden. Seit je- her sind die prägenden Elemente in den einzelnen Gesellschaften zu verschieden, als dass sich ein Konsens finden lassen könnte. Jeder – oder fast jeder – ist immer davon ausgegangen, dass seine Sicht auf die Dinge die einzig richtige sei.
Aber warum ist dies so? Warum ist es unmöglich für uns, die eine Wahrheit zu begreifen?
Zunächst eröffnen sich zahlreiche Wege, die Natur der Wahrheit zu erkunden. Zum einen ist das eine Welt, von der wir meinen, dass sie von klaren Linien und festen Überzeugungen geprägt ist. Hier kann der Begriff der Wahrheit eine «gefestigte» Stellung ein- nehmen und die Frage nach ihren Möglichkeiten wird erst gar nicht gestellt. Alles bezieht sich auf jene Erkenntnisse oder Realitäten. Das im ersten Moment absurd oder sogar paradox Erscheinende wird aussen vorgelassen. Es sind Dinge, die dem eingeprägten Verständnis von Logik und Rationalität trotzen. Und dennoch existieren sie in unserer Welt, wie ein faszinierendes Mysterium, das darauf wartet, entdeckt zu werden. Die Welt der einen Wahrheit, die nur eine Sicht auf die Dinge zulässt, ist auch eine Welt der verpassten Wahrheiten.
Verdammt sein zur Einseitgkeit
Es scheint manchmal so, dass der Mensch dazu verdammt ist, in einer eingeschränkten Welt zu leben. Zunächst einmal ist er in hohem Masse von dem abhängig, was er wahrnimmt. Es genügt, dass etwas sichtbar wird oder präsentiert wird, damit es von ihm als wahr akzeptiert wird. Die Beurteilung einer Angelegenheit wird somit durch die Perspektive bestimmt, aus der sie betrachtet wird. Diese Perspektive wird jedoch nicht zwangsläufig vom Individuum selbst gewählt. Die Gesellschaft, in der er lebt, übt einen bedeutenden Einfluss aus. Die Selbstbetrachtung eines Einzelnen hängt ebenfalls davon ab. Die Bindung an die Gesellschaft ist manchmal so stark, dass ihre Sicht und Interpretation der Dinge als die eigenen angenommen werden, und der Mensch kann sich selbst über seine eigenen Wünsche täuschen. Je tiefer sich das Individuum in dieses Abhängigkeitsverhältnis verstrickt, desto mehr strebt es danach, den gestellten Erwartungen gerecht zu werden. Sein Blick wird identisch mit dem jedes anderen, und seine Persönlichkeit wird vervielfältigt.
Die Idee, dass Widersprüche und Unvollkommenheiten einen tiefen Reichtum an Vielfalt und Schönheit in unserer Welt ausmachen, steht dagegen. Im Streben nach der vorgegebenen Perfektion wird alles andere als Unvollkommen gebrandmarkt.
Auf der anderen Seite ist die vorgegebene, eingeschränkte Perspektive eine Voraussetzung für die Teilnahme des Menschen am gesellschaftlichen Leben. Anderes hat keinen Platz, ja es erschüttert manchmal die Grund- festen der Gesellschaft. Dabei wird nicht bedacht, dass das, was als Leben bezeichnet wird, auf die Vorstellung reduziert worden ist, die der Betrachtende davon hat. Gleichzeitig ist der Einzelne in der Täuschung über seine Wahrnehmung darauf bedacht, selbst in seinem Tun und Handeln von den anderen der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Er unterliegt sozusagen einem Zwang zur Selbstdarstellung.
Der Mensch überprüft sein Verhalten, als ob er ständig beobachtet würde. In diesem Selbstprüfungsprozess wird der Beobachter als eine höhere Instanz einer absolut herrschenden Äusserlichkeit installiert. Der Beobachtete wird zum Objekt, und auch er betrachtet die anderen nur als solche.
Der Blick, sei es der eigene oder der der anderen, wird also zu einer Krankheit, zum Zwang, der das Denken bestimmt, zum Wechselspiel zwischen beobachten und beobachtet werden. Hier ein Beispiel, wie es selbst auf Kleinigkeiten in unserem täglichen Leben abfärbt.
«Deine Nase ist schief»
Ein Mann wird von seiner Frau auf körperliche Unzulänglich- keiten hingewiesen, die er bis dahin nicht bemerkt hatte. Seine Reaktion darauf ist eine intensive Selbstbetrachtung, bei der er die Sicht seiner Frau im Spiegel überprüft. Die von ihr festgestellten «Defekte» sind keineswegs bedeutend und könnten ihn weder entstellen noch ihn an der Teilnahme am sozialen Leben hindern. Sie sind so unscheinbar, dass er, ohne sie zu bemerken, 28 Jahre mit ihnen gelebt hat.
Der Anlass zur Selbstbetrachtung liegt vielmehr darin, dass seine Nase von seiner Frau anders wahrgenommen wird als von ihm. Während er glaubt, eine gerade Nase zu haben, sagt sie: «Deine Nase ist schief, sie deutet nach rechts.» Sensibilisiert für eine ver- änderte Sichtweise entdeckt er weitere bisher unbemerkte «De- fekte» an Augenbrauen, Augen, Ohren, Händen, Fingern und Beinen. Sein gesamter Körper hat sich durch diese neue Perspektive verändert, und er stellt plötzlich einen anderen Menschen dar.
Die Erschütterung seines Selbstbewusstseins liegt weniger in der Existenz der «Defekte» als vielmehr in der Erkenntnis, unter falschen Voraussetzungen gelebt zu haben. Er entsprach nicht dem Bild, das er für die anderen darzustellen glaubte. Die «Defekte» waren für ihn der Anlass, seine Meinung über das Wahrgenommene zu ändern.
Seine logische Konsequenz wäre gewesen, sich von seinem Körper zu trennen, um die Sicht der anderen, in diesem Fall der Ehefrau, zu übernehmen und seine eigene zu prüfen. Doch dieser Versuch scheitert, da seine Auffassung über seine Person während des bisherigen Lebens verfestigt ist. Er ist fixiert auf dieses bestimmte Bild, und sein Wille allein reicht nicht aus, um eine Loslösung zu bewirken. Er erkennt, dass sein Vorgehen eher irrational als logisch begründet ist, und lässt seinen Körper los von seinem Blick und dem Druck, anderen zu gefallen. Diese kleine Grenzüberschreitung führt ihn zur Erkenntnis, dass die Täuschung über die eigene Existenz auch eine Lebensbedingung ist.
Dies ist erst der Anfang der weit- aus längeren Geschichte, die von einem der begnadetsten und wirkungsmächtigsten Erzähler ge- schrieben worden ist. Die Rede ist von Luigi Pirandello und seinem Roman «Einer, keiner, hunderttausend». Pirandellos Thema ist unter andrem die vielfältigen Möglichkeiten der Wahrheiten und der Täuschung, der wir darüber und über uns selbst unterliegen. Wer wissen will, wie es weitergeht, der lese bei Pirandello nach.
Bei ihm kann man auch erfahren, dass die Realität komplexer und nuancierter ist, als wir sie in festen Überzeugungen erfassen können. Sie fordert uns auf, offen für das Unerklärliche zu sein und die selbstgesetzten Grenzen unseres Denkens zu erweitern. In einer Zeit, in der die Wahrheit oft als absolut und unverrückbar dargestellt wird, ermutigt uns die unmögliche Wahrheit dazu, verschiedene Perspektiven zu erkunden und die Vielschichtigkeit der Welt zu akzeptieren.
Es ist wichtig zu betonen, dass dies nicht den Verzicht auf Vernunft oder Realitätssinn bedeutet. Ganz im Gegenteil, wir sind dazu aufgefordert, die Grenzen des Möglichen zu hinterfragen und das Unbekannte zu erkunden. Diese Haltung kann Innovation und Kreativität fördern, da sie uns ermutigt, über eingefahrene Denkmuster hinauszublicken und neue Horizonte zu entdecken.
Nehmen wir es mit Humor
Nicht zu vergessen ist der Beobachter mit einem Augenzwinkern, der allem eine humoristische Seite abgewinnen kann, selbst dem Tragischen. Übrigens auch zu finden bei Pirandello. Seine Sichtweise beleuchtet das Besondere, das von einer nicht- humoristischen Wahrnehmung oft übersehen wird. Diese beschränkt sich darauf, nur einen Punkt aus ihrem Standort zu erfassen, während alle anderen unzugänglich bleiben. Es entsteht ein Gefühl des Gegenteils in Bezug auf das Wahrgenommene.
Die blosse Beobachtung stellt lediglich den Sachverhalt dar, ohne in die Tiefe zu gehen oder das Gesehene in Empfindungen zu übertragen. Darüber hinaus hindert diese Sichtweise uns daran, unsere Perspektive als die einzig mögliche zu betrachten. Sie er- möglicht es, auch zu sich selbst in Distanz zu treten und die eigene Sichtweise in Frage zu stellen. Dies hilft zu erkennen, wie stark soziale Normen im Widerspruch zu einer natürlichen Lebensweise stehen können.
In dieser Auseinandersetzung können wir tiefergehende Erkenntnisse über uns selbst und die Welt gewinnen. Es ist eine Einladung, anderes und andere zu akzeptieren und sie als Quelle zu betrachten.
Die Wahrheit der Poesie
Ein weiterer «Lösungsvorschlag», der uns aus dem Dilemma der nicht existierenden Wahrheit führen könnte, ist die innere Vorstellung eines Blicks. Die Vorstellungskraft eröffnet die Möglichkeit einer eigenen Welt, die jenseits der Vernunft existiert. Die Bilder, die sie hervorruft, sind von der Interpretation des Betrachters losgelöst. Diese innere Vorstellung kann eine Art Traumwahrheit oder sogar ein Gedicht sein. Letztendlich ist die «Wahrheit» in Poesie, für diejenigen, die sich darauf einlassen, mächtiger als die Vernunft, einschliesslich der Mathematik. Poesie vermag es, unser Inneres sichtbar zu machen und uns, was besonders ist, von der Zwanghaftigkeit einer festgelegten Richtung zu befreien.
Wer Wahrheit der Poesie erschafft, ermöglicht es uns, Feen, Zauberer und Engel dort zu sehen, wo eine rationale Wahrnehmung nicht mehr möglich ist: Das Wahrgenommene wird durch diesen Blick geschaffen, ein realisierter Traum der Augen. Es bedarf keiner Überprüfung im Spiegel mehr, keinem Bedürfnis nach Gesehenwerden oder Sehenwollen.
Doch gleichzeitig befindet man sich auch jenseits des sozialen Lebens. Es lässt sich hinzufügen, dass Lesen nicht nur bildet, sondern auch Freiräume schafft – wenn auch nur für Augenblicke. Der so geschärfte imaginierte Blick empfängt das Licht für seine Wahrheit von innen und ist losgelöst von aller Realität. Er ist fähig, Phantasie und Traum zu erschaffen. Aber er darf nicht der letzte Ausweg sein. Vielmehr sollte er dazu dienen, den äusseren Blick zu schärfen, um sich besser einer Öffentlichkeit mitteilen zu können. Die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung müssen in der Vorstellung überschritten werden. Dann kann der Mensch seinen Blick frei für das Phantastische öffnen, und im Inneren entsteht etwas Neues.
Wenn wir uns diesen Wahrheiten öffnen, öffnen wir uns gleichzeitig für die Möglichkeit, über uns selbst hinauszuwachsen und die Welt in ihrer Vielfalt zu erleben. Es ist wie das Öffnen eines Buches mit ungeschriebenen Seiten, das darauf wartet, von uns mit unseren eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen gefüllt zu werden. Wir sind eingeladen, mutig zu sein, neue Wege zu beschreiten und die Grenzen des Denkbaren zu erweitern.