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In der Mitte eines Sees – inmitten einer Wüste – im Zentrum eines Krieges 

Von Juni 1967 bis Mai 1975 wurden 14 Handelsschiffe im Suezkanal festgehalten. Aus der Not heraus gründeten die Kapitäne eine Vereinigung mit dem Ziel der Freundschaft und der gegenseitigen Hilfe. Als erster Entscheid wurden die Nationalitäten abgeschafft, und alle unabhängig von ihrer Herkunft gleichbehandelt
Patrick Schibli
Patrick Schibli mit dem Badge, wie ihn die GBLA-Offiziere erhalten haben. Foto: Uwe Guntern

Von einem real gelebten Traum berichte ich. Ich beginne mit einem Naturgesetz, dem vierten Schibli‘schen Hauptsatz der Thermodynamik (und zwar in der Form des zweiten Grades). Er lautet:

Freundschaften sind wie Wärmepumpen: Mit einer kleinen zugeführten Basis-Energie lässt sich viel kollektive Energie und Wärme gewinnen, abgeben oder einfach umwandeln.

Vor rund 50 Jahren steht die Welt am Wendepunkt:

  • Es stellen sich gesellschaftliche Fragen (geprägt von den Hippies mit Themen wie Lebensstil, Konsum, Rassismus, Sexualität und Gleichberechtigung)
  • Es bestehen geopolitische Spannungen (der Nahost-Konflikt, der kalte Krieg, Atomwaffen, die internationale Sicherheit)
  • Es gibt einen ungebremsten Technologie- und Innovationsschub (Mondlandung, Atomtechnik, Agrartechnik, Elektronik und Mikroprozessoren)
  • Ressourcenprobleme stellen sich ein (die Energiekrise, Gedanken zum Naturschutz, fragen zur Bevölkerungsexplosion, Hungerkatastrophen)

Fast könnte man meinen wir leben zu dieser Zeit, denn diese Probleme bestimmen heute wieder unsere tägliche Wahrnehmung. In diesem Kontext spielt sich auch die Geschichte ab, die ich erzähle.

Nach unserem Home-Leave in der Schweiz, am 29. November 1968, checke ich als Kind im Hafen von Triest ein, mit dem Ziel Karachi, Pakistan.

Der Suezkanal ist zu dieser Zeit gesperrt. Es bleibt also nur der Seeweg um Afrika.
In meinem ersten Gradenvortrag «Eine Reise nach Serendip» habe ich unsere Bruderschaft in fiktiver Form auf diese Reise mitgenommen.

Das Privileg dieser 35-tägigen Seereise als Auswanderer prägt mich lebenslang. Jedoch habe ich mich schon ab und zu gefragt, wieso denn der Suezkanal zu dieser Zeit nicht für die Schifffahrt zugänglich war. Der 6-Tage Krieg zwischen Israel und Ägypten war damals schon seit mehr als einem Jahr Geschichte.

Vor ein paar Jahren bin ich schliesslich auf eine wunderbare Geschichte zum Thema «Freundschaft» gestossen, die mich seither nicht mehr losgelassen hat.

Ich lasse nun die Details meiner historischen Nachforschungen einfach auf euch wirken. Entsprechend unserem letztjährigen Jahresthema «Taten statt Worte», oder weiter gefasst «Erleben statt Theorie».

Wir blättern zurück.

Am Abend des 4. Juni 1967 reiht sich ein Konvoi von 14 Handelsschiffen an der südlichen Einfahrt zum Suezkanal ein. Die Schiffe sind mit dem Ziel Europa und Nord-Amerika auf dem Rückweg mit wertvoller Fracht aus Japan, Vietnam, Hongkong, Australien, Singapore, Indien und Sri Lanka.

Es sind dies Schiffe aus acht verschiedenen Ländern:

  • zwei aus West-Deutschland (MS Nordwind und die MS Münsterland)
  • zwei aus Schweden (MS Killara und MS Nippon)
  • ein Schiff aus Frankreich (MS Sindh, später umbenannt zu MS Essayons)
  • vier Schiffe aus England (MS Agapenor, Melampus, Scottisch Star und Port Invercargill)
  • ein Schiff aus den USA (MS African Glen, später MS Endeavor genannt)
  • zwei Frachter aus Polen (MS Djakarta und MS Boleslaw Beirut)
  • ein Schiff aus Bulgarien (MS Vassil Levsky)
  • sowie eins aus der Tschechoslowakei (MS Lednice)

 

Die Welt ist im kalten Krieg. Vor rund einem Monat hat die ägyptische Regierung eine Seeblockade verhängt für Schiffe unter israelischer Flagge für den Golf von Akaba und damit das rote Meer. Spannung liegt in der Luft. Beim Bunkern von Lebensmittelvorräten und Öl in den vorgelagerten Häfen von Aden und Djibuti gibt es diverse Gerüchte über einen kommenden Krieg.

Die Mannschaften wissen das. Gleichwohl stimmen Besatzungen ab und entscheiden sich, sich in den Konvoi einzureihen. Sie wollen schliesslich wieder nach Hause zu ihren Liebsten. Neuntausend Kilometer Umweg um das Kap sind auch für die Reedereien nicht akzeptabel. Der Konvoi fährt in den Kanal ein. Die Kapitäne fordern ihre Mannschaften auf, bei vollem Bewusstsein und voller Achtsamkeit zu beobachten und bereit zu sein für alles, was da kommen möge.

Die Handelsschiffe werden nun von den ägyptischen Behörden angewiesen, im Bitterlake, einem kleinen See im Suezkanal, Anker zu setzen und auf weitere Instruktionen zu warten. Das ist eine Aktion, die häufig vorkommt und normalerweise dem Abwarten des Gegenkonvois gilt. Die Schiffe ankern also zwischen dem afrikanischen Kontinent (ägyptisches Festland) und der Sinaihalbinsel (ägyptisches Grenzgebiet).

Der israelische Geheimdienst studiert die Routine der ägyptischen Luftwaffe, die ihre Erkundungsflüge jeweils morgens früh durchführt und um 8:30 Uhr mit der Landung auf den Flughäfen abschliesst. Israel informiert seine Piloten erst fünf Stunden vor dem Einsatz, wartet die Rückkehr der Aufklärer ab und schlägt dann zu.

Am Morgen des 5. Juni verkündet der BBC Worldservice den Beginn des Krieges.

Um 8:45 Uhr ägyptischer Zeit, im Morgengrauen, geschützt vom Gegenlicht der östlich aufgehenden Sonne und im Sichtschatten des Konvois, greifen 188 israelischen Mirage Kampfjets mit voller Wucht an. Sie fliegen unter dem Radar, tief über die Schiffe. Die massiven Granateneinschläge gelten den Luftwaffenbasen beidseitig des Sees und natürlich dem ganzen Land.

Unsere Matrosen sind nun Zeugen – quasi in der ersten Kinoreihe – inmitten des Kugelhagels.

In einer bis dahin ungekannten Präzision zerstören die Israelis in 14 Luftwaffenbasen 338 Flugzeuge, also über 95% der ägyptischen Luftwaffe. Sie töten darüber hinaus rund einhundert Kampfjetpiloten. Die Ägypter werden auf dem linken Fuss erwischt. Nach weniger als drei Stunden ist der Spuk aus der Luft vorbei. Danach, innerhalb von 6 Tagen, nimmt die israelische Armee die Sinaihalbinsel ein und drängt die Ägypter ganz aus dem Sinai zurück.

Ägypten will nun verhindern, dass die Israelis die Hoheit über den Suezkanal gewinnen und stellen den Betrieb des Kanals ganz ein. Sie blockieren den Bittersee, indem Sie bei der nördlichen und südlichen Einfahrt Hindernisse versenken und Landminen platzieren.

Unsere Matrosen sind nun gestrandet, «In der Mitte eines Sees – inmitten einer Wüste – im Zentrum eines Krieges». Auf der einen Seite die Armee der Ägypter, auf der anderen die der Israelis.

GBLA-Badge
Der GBLA-Badge besteht aus den Symbolen der Bruderschaft: dem Anker, dem Suezkanal im Hintergrund sowie der 14 für die vierzehn Schiffe.

Sie haben keine Wahl
Der Konvoi besteht aus kommerziellen Handelsschiffen und diese haben keine andere Wahl, als auf die ägyptischen Appelle einzugehen. Als besondere Massnahme werden die Kommunikationsmittel auf den Schiffen plombiert. Die Flotte kann somit keine Kommunikation über die Handelskanäle des Seefunks mehr führen. Sie sind nun gänzlich von ihren Reedereien und den Familien abgeschnitten.

Die Seeleute wissen nicht so genau, was um sie herum passiert. Zeitungen sind praktisch nicht erhältlich oder erreichen die Schiffe erst nach Wochen und Monaten. Ihnen bleiben nur noch internationale Kurzwellendienste zur strategischen Informationsbeschaffung. Der BBC Worldservice sendet, am 30. Juni, 1967, kurz nach Kriegsausbruch, in seinem Programm «Seven Seas für Seemänner der Handelsschiffahrt» eine spezielle Ausgabe mit Familiengrüssen an die gestrandeten Matrosen.

Die Benutzung der Beiboote zum Landen an den Ufern und Austausch zwischen den Schiffen wird streng limitiert. Zudem sorgt auf jedem Schiff ein ägyptischer Polizeioffizier als Aufseher für die Einhaltung der Massnahmen.

Die Besatzungen sind weder Kriegsgefangene noch Geiseln, noch gehören Sie irgendeiner Kriegspartei an. Es sind Spezialisten in Nautik, Navigation, Bordfrequenzen, Wetter, Wellen, Meeresströmungen, Motoren, Maschinen, Anker, von Knoten und Seilen bis zu Schiffsfarbe, und haben keine Ahnung vom Krieg.

Wenn ein Krieg aus Distanz immer wieder als glorreich oft auch strategisch genial empfunden wird, und unglaubliche Helden hervorbringt, ist er doch für die betroffenen Personen eine Katastrophe. Umso mehr, wenn man unbedacht zwischen die Fronten gerät.

Denn wie sollen sie sich nun verhalten?
Am fünften und sechsten Tag des Krieges retten sich viele Ägypter zurück vom Sinai Einsatz über den Bittersee zum Festland. Sie sind gezeichnet von der extremen Hitze in der Wüste und dem Wassermangel während ihrer Aktionen. Die Übersetzungsboote sind überfüllt. Sie sind dem Verdursten als auch dem Ertrinken nahe. Es herrscht Chaos.

Einige Kapitäne warnen vor den bewaffneten Soldaten. Andere Kapitäne wollen mit ihren Beibooten helfen. Die Geretteten sind froh um das Wasser, das ihnen angeboten wird. Das geht allerdings nur so lange, bis ein Wehrmann in Dankbarkeit für die Aktion ein paar Gewehrkugeln in die Luft schiesst. Dann ist genug und die Rettungsaktion wird abgebrochen.

Die UNO versucht mit einem Deal den Kanal wieder zu öffnen. Monate vergehen, und die Boote sind immer noch da. Es wird Allen klar, dass dieser Konflikt nicht so schnell endet. Nach drei Monaten schliesslich, gibt es ein Abkommen zwischen den Reedereien und der ägyptischen Armee und die Seemänner dürfen ausgetauscht werden. Die Matrosen können nun nach Hause «und wieder mit ihren Ladies tanzen gehen».

Die Motoren sollen anspringen und die Schiffe sollen sofort nach Freigabe des Kanals die Reise mit ihren Ladungen fortsetzen. Deshalb werden in regelmässigen Abständen Runden mit den Schiffen gedreht. Besonders die deutschen Mannschaften nehmen das sehr ernst.

Die Stimmung ist zwar gut und die Routine der Seemänner wird weitergeführt. Natürlich drückt das Heimweh nach der Familie oder gemäss Zitat: «nach den im See fehlenden Meerjungfrauen» aufs Gemüt. Es handelt sich ja schliesslich um echte Seemänner. Dazu gesellt sich auch der Hunger der Matrosen. Gesendete Lebensmittellieferungen verschwinden auf dem Transportweg oder werden von der ägyptischen Armee oder sonstigen korrupten Organisationen geplündert. Das Essen ist monoton und langweilig.

Die Kapitäne befürchten nun, dass das lange Warten die Leute zermürbt. Es braucht eine Veränderung: Es entsteht die Idee einer Bruderschaft!

G.B.L.A.
Am 7. Oktober 1967 gründen die Captains mit ihren Crews feierlich die G.B.L.A. – die «Great Bitter Lake Association» mit dem Ziel der Freundschaft, der gegenseitigen Hilfe und der Planung von gemeinsamen Anlässen». Als erster Entscheid werden die Nationalitäten abgeschafft, und alle Seemänner werden unabhängig von ihrer Herkunft gleichbehandelt.

Es ist dies, mitten im kalten Krieg, eine wunderbare Mikronation, angelehnt an die Gedanken der UNO. Eine kleine blockübergreifende Welt mit Mitgliedern aus dem Westen einerseits (England, Deutschland, Frankreich, USA) dem Osten andrerseits (Polen, Tschechoslowakei, Bulgarien) und dem neutralen Schweden. Sie gründen eigene Traditionen, eigene Sportanlässe, einen Gerichtshof, und vieles mehr.

Wie auch bei den Odd Fellows erhalten alle Mitglieder eine Krawatte und ein Badge mit dem Emblem der «Bruderschaft». Es gibt verschiedene Vorschläge für die Designs und alle können darüber mitbefinden.

Meine Sammlung wäre nicht komplett, ohne dieses historische Badge, wie ihn die GBLA-Offiziere erhalten haben. Ich bin unheimlich stolz darauf, ein Exemplar erstanden zu haben. Er besteht aus den Symbolen der Bruderschaft – dem Anker – dem Suezkanal im Hintergrund – sowie der 14 für die vierzehn Schiffe. Es hat bei mir zuhause einen Ehrenplatz.

Die Mikronation verfügt auch über eine eigene Nationalhymne. Der Kapitän der «Port Invercargill» ist ein grosser Beatles-Fan: Der aktuelle Song «We All Live in The Yellow Submarine» dient als Grundlage der Hymne. Das «Yellow», also gelb, ist eine Anspielung auf die schmutzig-gelbe Kruste, die die vielen Sandstürme auf den Schiffen hinterlässt. Deshalb wird die Flotte später auch «die gelbe Flotte genannt».

Ich darf aus dem umgeschriebenen Tophit von 1966 zitieren:

2. Strophe
«And we sailed off to the sun
Till we found our sea of dreams
And our friends live all abord
And many more of them live next door»
(Und wir segelten Richtung Sonne – bis wir unser Traummeer fanden; Und unsere Freunde leben alle an Bord, und viele mehr in der Nachbarschaft.)

3. Strophe
«Sky a blue, sea green
Thanks for vodka, beer, and gin Associated many men –
In the great Bitter Lake den»
(Der Himmel ist blau, das Meer grün, danke für Vodka, Bier und Gin, zusammen mit vielen Verbündeten in der grossen Bitter Lake Spelunke.)

Die Crews realisieren schnell: Wenn sie ihre Schiffsladungen miteinander teilen, haben sie viel zu gewinnen. Nach harten Verhandlungen lassen sich die Reedereien auch überzeugen, die Ladungen für die Seemänner freizugeben.

Nur schon auf dem einen Deutschen Schiff «MS Münsterland» lagern Lammseiten, Rindssteaks, Butter, Weintrauben, 300 Tonnen Birnen und acht Millionen Eier. So gibt es weiters:
– auf der «MS Nippon»: Gefrorenen Seehecht, Haifisch, und andere Fische aus Japan
– auf der «MS Killara»: Früchte und gefrorene Forellen
– auf der französischen «MS Sindh»: Krebse, Krabben und Crevetten
– auf «Port Invercargill» and «Scottisch Star»: 6000 Tonnen Äpfel und Birnen, getrocknete Früchte, Fruchtkonserven, Wein in Fässern und Fleischkonserven
– auf  «MS Agapenor» und «MS Melumpus»: Tee, Poulet Konserven, Reis, Wallnüsse, und natürlich Orangen

Ja, ihr lacht jetzt vielleicht. Aber Orangen sind sehr wichtig – nicht nur gegen den Skorbut, sondern auch zur Konfliktlösung. Meine Brüder aus Winterthur wissen das:

Es gilt nämlich Schiblis Law of Oranges:
«Wenn jemand eine Orange ist, und denkt es sei eine Wurst. Und er mag die Orange, dann ist es doch Wurst!»

Ab Sommer 1969 füllen sich die Kombüsen nach Herzenslust.

Suezkanal
Der Suezkanal – hier ein aktuelles Bild mit der ägyptisch-japanischen Freundschaftsbrücke – war von Juni 1967 bis Juni 1975 als Folge des Sechstagekrieges gesperrt. Foto: gemeinfrei

Es besteht nun ein offener Markt, sozusagen eine schwimmende Speisekammer. Wenn man etwas braucht, fragt man einfach auf einem anderen Schiff nach und tauscht.  Insbesondere die Köche des französischen Frachters machen ihrem Land nun alle Ehre und entwickeln einen hervorragenden Ruf.

Natürlich spielt der Alkohol bei den Seemännern eine wichtige Rolle. Die Bulgaren erhalten australische Weintrauben von der «MS Münsterland». Daraus produzieren Sie einen «ausgezeichneten» Brandy, den sie dann wieder im «Floating Market» anbieten. Wenn man sich auf dem polnischen Schiff «MS Djakarta» anmeldet, wird jeweils eine Flasche Whiskey entkorkt, und man darf das Schiff erst wieder verlassen, wenn die Flasche geleert ist. Die Polen servieren jeweils Vodka in Biergläsern, in Quantitäten, die gemäss Zitat «sogar ein Kamel zum Schlafen bringen kann».

Für mechanische Notfälle, z.B. wenn es irgendwo einen Maschinenschaden gibt, oder Schmieröl gebraucht wird, wird nicht lange gefackelt und man hilft sich aus. Auch für medizinische Notfälle findet sich eine einfache Lösung: Auf dem polnischen Schiff «Boleslav Beirut» ist jeweils ein Schiffsarzt in der Mannschaft. Die Ärzte – es sind mehrere im Laufe der Zeit – werden hochgeachtet. Mangels Medikamente operieren sie, oder ziehen Zähne ganz ohne Narkose. Ja, die Seemänner sind halt harte Burschen.

Auf der «MS Münsterland» werden nun sogenannte «sonntägliche Gottesdienste» eingeführt. Die Idee der Kirchengänge kommt nicht etwa von der christlichen Seefahrtsmission, sondern unterliegt einem ganz handfesten Plan: Die christliche Pflicht der Kirchengänge soll das bestehende Reiseverbot umgehen. So schafft man also einen Grund mit Booten das eigene Schiff zu verlassen und andere Mannschaften zu besuchen.

Die Kirchgänge haben auch das Ziel, die sonntäglichen Ereignisse einzuläuten und die Geselligkeit und Freundschaften zu fördern. Nach dem australischen Messwein wird Bier getrunken. Es wird geschätzt, dass etwa 1.5 Millionen leere Bierflaschen im See lagern. Zeugen behaupten, dass das grob untertrieben sei. Zukünftige Archäologen werden sich wundern.

 

Montags ist «Shopping Day»
Nach dem Gottesdienst werden auch die jeweiligen Bestellungen für die Folgewoche aufgenommen. Jeweils am Montag ist «Shopping Day», und die Waren werden ausgeliefert.

Die Polizisten die als Wache der ägyptischen Regierung eingesetzt werden, haben natürlich nicht so reichhaltige Mahlzeiten wie die Seefahrer. Jeder, der mal im mittleren Osten war, kann das bezeugen. Es gibt keinen Sold für ihre Verpflegung. Sie bringen des Essen für ihren Aufenthalt selbst mit. Daher wünschen sie sich natürlich auch, an den üppigen Mahlzeiten der Seemänner teilzunehmen. Die Matrosen schlagen ein zu einem Deal: Wenn die Polizisten ein Auge zudrücken, und ihre Kontrollen «relaxen», dürfen sie sich an den Mahlzeiten beteiligen. So kommt es, dass sie weniger streng kontrolliert werden.

Die Wächter kommen nun im Wochenrhythmus auf die Schiffe, essen mit, gehen eine Woche im See Fische fangen, und haben dann genügend Fisch, um ihn zuhause zu verkaufen und haben dadurch erst noch einen netten Zusatzverdienst. Die Matrosen haben ihre Ruhe. Ein interessanter Kompromiss bei dem Alle gewinnen!

Die Regeln zur Einschränkung der Benutzung von Beibooten wird nicht mehr strikt eingehalten und verschwindet dann irgendwie. So können der Tauschhandel und soziale Ereignisse entwickelt werden.

Natürlich gibt es immer mehr Aktivitäten in der G.B.L.A.

An den ersten Weihnachten, 1967, schmücken die Crew der polnischen «MS Djakarta» ein Floss aus Ölfässern und ankert es mitten auf dem See. Darauf stellen sie einen vier metrigen zusammengeschweissten Tannenbaum. Rund um das Floss werden Hölzer mit Weihnachtswünschen angebracht. Auf einem Beiboot wird das Klavier der «Port Invercargill» herbeigeschifft. Die Mannschaften singen alle demütig ihre eigenen Weihnachtslieder. Als die Deutschen, mitten in der Wüste, unter dem klaren Sternenfirmament «Stille-Nacht» anstimmen, ist das ein wahrhaft emotionaler Moment!

Kulturbeflissenen und Nachtclübler
Es werden auch spezielle Landausflüge geplant. Die Planung ist allerdings nicht so einfach, weshalb diese Form von Anlässen dann wieder eingestellt wird. Es gibt zwei Typen von Landgängern: Die Kulturbeflissenen und die Nachtclübler. Für beide Kategorien wird ein Anlass zu den Pyramiden organisiert. Natürlich inkl. Hotel und, bei den Nachtclüblern, mit organisiertem Damenbesuch.

Der Sport wird allgemein grossgeschrieben. Er unterbricht die Routine, hält die Seemänner fit, und bricht alle Grenzen zwischen Menschen verschiedener Nationen, Ethnien und Dienstgrade, und fördert zudem die Kameradschaft.

Der Fussball ist die populärste Sportart in der G.B.L.A. Aus Frachtnetzen, Treibholz und gesammelten Flutlichtern wird auf dem grössten Schiff, der «Port Invercargill», ein Stadion gezimmert. Die Bordzimmermänner bauen zusammen eine ganze Arena auf, inklusive Hamburgerstand, Getränkestand (besser gesagt: Bierstand) und sogar einem Wettbüro.

Es werden jeden Mittwoch Meisterschaften gespielt und am Ende jedes Monates kleine Weltmeisterschaften – inklusive Auf- und Abstiegsspielen.

Und sogar die Amerikaner, die nur eine kleine Besatzung aufweisen, und nichts von Fussball verstehen, machen eifrig mit.

Aus Stauhölzern der amerikanischen «African Glen» zimmert der Bordzimmermann der «MS Münsterland» eine kleine Jolle. Er fertigt mit einer selbstgebauten Nähmaschine mit einem Scheibenwischermotor Segel an. Die anderen Mannschaften sind beeindruckt und bauen die Jolle nach. Er begründet damit eine neue Bootklasse. «Die Great Bitter Lake Class».

Es wird feierlich der «Great Bitter Lake Yacht Club» gegründet und es werden, von den Schiffen, abwechslungsweise, Regatten organisiert. An jeder Wendeboje prüfen Seemänner, dass die Regeln auch eingehalten werden. Danach gibt es natürlich ordentliche Bankette für die Sportler, Funktionäre und Zuschauer.

Im Sommer 1968 finden in Mexico die Olympischen Sommerspiele statt. Die polnische Mannschaft schlägt die Durchführung von Olympischen Spielen vor: 14 Disziplinen werden vorbereitet: Darunter Rudern, Gewichtheben, Schwimmen, Kunstspringen, Wasserball, Tischtennis und Fussball, verteilt auf verschiedene Schiffe. Die internationale Presse wird aufgeboten und zeigt ein reges Interesse an der Mini-Olympiade. Britische, französische, schwedische und deutsche TV- Teams strahlen Beiträge aus. Und die englische «Daily Express» berichtet stolz, dass nach der Fussball WM 1966 hier wieder ein Fussballturnier an England geht!

Am 12. Oktober werden auf der «MS Djakarta» unter Flutlicht die Medaillen verteilt. Ein beeindruckendes, weithin sichtbares Erlebnis. Die Medaillen werden von den polnischen Seemännern in Messing und Kupfer geprägt und von Anna Berg, «der Lady of The Lake», der einzigen Frau der G.B.L.A. verteilt. Es besteht eine echte olympische Atmosphäre und trotzdem ist man im Krieg: Anhaltende Feuergefechte und Flugzeuge mischen sich in die Stimmung.

Gelegentliche Konflikte
Aber gelegentlich gibt es auch Konflikte zwischen den Brüdern der G.B.L.A. Als die Besatzung der «MS Melumpus» ein Rettungsboot der «Port Invercargill» auffischt, das abgetrieben ist, weigern sich die Eigentümer Bergelohn zu bezahlen.

Auf der «MS Münsterland» wird eine Gerichtsverhandlung einberufen. Zum Auftakt der Verhandlung ertönt die Nationalhymne vom Lautsprecher. Mit selbstgeschneiderter Robe und improvisierter Perücke fordert der Klägeranwalt der «Münsterland» die englische Crew auf, fünf Kisten Bier zu bezahlen. Dem Richter vom französischen Kühlfrachter «Sindh» scheint das als Busse für das undankbare Verhalten zu gering: Er verdonnert die Engländer zu zehn Kisten. Die Prozessakte vom 20.09.1969 kann noch heute eingesehen werden.

Auf den Schiffen werden alle drei Monate neue Filme angeliefert. Es gibt Kinos und Filmabende für Alle. Die Engländer erhalten Filme über den zweiten Weltkrieg, und laden ein – natürlich auch die Deutschen – und sie sind skeptisch, ob das gut ausgeht. Doch die Deutschen reagieren positiv: «Die Freundschaft überwindet die Politik».

Im August 1968, im Prager Frühling überfällt die UdSSR mit Hilfe von polnischen und bulgarischen Soldaten Tschechien. Die westlichen Kapitäne befürchten, dass das zu Spannungen zwischen dem tschechischen Schiff «MS Lednice» und den anderen östlichen Schiffen führt. Die Tschechen sind den Tränen nah.

Die «MS Lednice» stösst mit seinem Horn einen langen Trauerton aus und stellt seine Flaggen auf Halbmast. Am nächsten Morgen besucht eine Kapitänsdelegation der Bulgaren und Polen die «MS Lednice» um ihr Mitgefühl kundzutun. Die tschechische Mannschaft bedankte sich und bestätigt: «Die politische Situation werde nicht die Kameradschaft auf See beeinflussen». Danach kommen auch die Briten und alle anderen Nationen, und die Bande zu den Tschechen wird stärker.

Und obwohl das US-Schiff, wie auch das bulgarische Schiff im Vietnamkrieg mit oppositionellen Waffenlieferungen involviert sind, sagt Captain Watt von der «African Glen»: Es kommt nicht drauf an, zu welcher Seite des Eisernen Vorhangs wir gehören: wir haben einfach ein wundervolles Verhältnis unter Seeleuten.

Normalerweise sind Matrosen bekannt dafür, dass sie einfach ihren Job tun, abschliessen, und dann beim nächsten Reeder anheuern. Hier entwickelt sich eine ausserordentliche Freundschaft zwischen den Matrosen, die meist wieder zur Flotte zurückkommen wollen. Einige sind abschnittsweise 19 Monate dabei.

Es gäbe noch viele Anekdoten zu erzählen von den Seemännern im Bittersee. Der Unterhalt mit den vollen Mannschaften wird den Reedereien zu teuer. So entschliessen sie sich, die Schiffe zusammenzuführen, und mit kleineren Teams die Wartung sicherzustellen.

Insgesamt dienen 3000 Matrosen und eine Matrosin in der «Great Bitter Lake Association».
Auch heute noch treffen sich die Seeleute zu jährlichen Zusammenkünften. Die Zeit schreitet voran und es werden leider immer weniger.

Im Sommer 1974 rückt die Öffnung des Suezkanals in greifbare Nähe. Mit dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober des Vorjahres erobern die Aegypter Teile der Sinaihalbinsel zurück. Die Reedereien, zum Teil fusionierte Reedereien, oder neue Besitzer, inspizieren die Schiffe. Die deutschen Schiffe sind die einzigen, deren Dieselmotoren aus eigener Kraft anspringen. Die anderen Motorschiffe machen sich bereit, um abgeschleppt zu werden.

Ende März 1975 kommt das Kommando aus Kairo, dass der Suezkanal wieder für den internationalen Schiffsverkehr geöffnet wird. Dann heisst es Anker auf!

Am 24. Mai 1975, erreichen die «MS Münsterland» und die «MS Nordwind» Hamburg. Sie werden von Feuerwehrschiffen, hunderten von Yachten und je nach Quelle von bis zu 100’000 winkenden Menschen am Ufer empfangen. Nach acht Jahren, drei Monaten und fünf Tagen geht die längste Seereise der Geschichte für die «MS Münsterland» zu Ende.

Die Mission der «Great Bitter Lake Association» hat nun ihren Zweck erfüllt.

Und wenn ihr heute nach Spuren der «G.B.L.A.» sucht, dann findet ihr eine grossartige Sammlung Briefmarken, die aktuell praktisch täglich auf den gängigen Online-Märkten wie z.B. ebay gehandelt werden.

Das sind sogenannte «Cinderellas», mit denen die Seemänner ihr Leben dokumentiert haben. Diese haben zwar keinen offiziellen postalischen Wert, sind aber heute noch in grosser Menge und oft in guter Qualität und teilweise sogar abgestempelt im Umlauf und gut dokumentiert.

Die Druckerpresse und der Hektograph, mit denen die Marken entstanden sind, werden unter den Seemännern wie ein Heiligtum gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben. Durch ihre Kunst vermögen die Seemänner die Verbindung mit Ihrer Heimat und der ganzen Welt aufrecht zu erhalten!

Und zum Schluss: Was wurde eigentlich aus den Schiffen: Einige wurden sofort verschrottet. Andere wurden aufbereitet und bleiben in Betrieb bis in die 80er Jahre. Die Tschechische MS Lednice, die bei der Einfahrt bloss ein Jahr alt war, wurde repariert und blieb am längsten im Einsatz: Bis 1994.

Die Geschichte bescherte der Lednice ein bitteres Ende, als das letzte übriggebliebene Schiff der G.B.L.A., das den Krieg im Suezkanal zwar überstanden hatte, von tamilischen Rebellen versenkt wurde.

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Partick Schibli

Über den Autor

Partick Schibli ist Odd Fellow und Mitglied der Kyburg-Loge Nr. 14 in Winterthur

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