Im Allgemeinen verbringen die Gäste im Hotel Seegarten in Arbon eine schöne Zeit am Bodensee, atmet durch und fühlt sich einfach wohl. Da das Hotel darüber hinaus auch für Events zu nutzen ist, hatte es die Henri-Dunant-Loge als Veranstaltungsort des diesjährigen Herbstlager ausgewählt. Nicht dass sich die Teilnehmenden des Lagers nicht auch dort wohlgefühlt und durchgeatmet hätten – schliesslich ist das gesellige Zusammensein und der Austausch en wichtiger Teil dieser Treffen der Odd Fellows –, aber zunächst stand die Rituelle Sitzung im Mittelpunkt.
Wie bei den Eidgenossen-Lagern üblich, stand zu Beginn die Rituelle Sitzung im Mittelpunkt, während parallel das Begleitprogramm für die Angehörigen und die Gäste der Odd Fellows stattfand.
Frauen gestalten Geschichte
Unter dem Motto «Voran in langen Röcken!» entführten die «Zeitfrauen Arbon» das Publikum auf eine lebendige Zeitreise durch die Geschichte der Stadt. Im Mittelpunkt standen jene Frauen, die Arbons kulturelles, soziales und wirtschaftliches Leben über Jahrhunderte geprägt haben. Mit erzählerischer Leidenschaft und historischem Feingefühl wurde sichtbar, wie bedeutend weibliches Wirken für das Werden der Stadt war – ein Programm, das auf grosse Resonanz stiess.
Beat Mühlethaler wird neuer Hauptpatriarch
Währenddessen eröffnete Hauptpatriarch Karl Eiermann die Rituelle Sitzung des Eidgenossen-Lagers. In diesem feierlichen Rahmen wurden verschiedene Ämter neu besetzt: Marc Zimmermann von der Albrecht-Haller-Loge L18 ist zum neuen Aufseher und Hans Peter Rufener L 24 von der Biel-Seeland-Loge zum neuen Führer gewählt. Grossrepräsentanten des Eidgenossen-Lagers werden zukünftig Adi Koch von der Henri-Dunant-Loge Nr.25 und Beat Mühlethaler von der Loge «Drei Ringe zu Basel» Nr. 6. Beat Mühlemann stand nochmal zu Wahl und zwar als Hauptpatriarch. Als dieser wurde er dann auch einstimmig gewählt.
Die feierliche Einsetzung der neuen Beamten wird am 30. November im Rahmen des Adventslagers in Bern stattfinden.
Eine letzte Rede
«Was uns im Ritual so leicht von den Lippen geht, ist im Alltag oftmals alles andere als leicht umzusetzen», begann Karl Eiermann seine letzte Rede als Hauptpatriarch des Eidgenossen-Lagers und fuhr lächelnd weiter: «Manchmal frage ich mich: Lohnt es sich überhaupt, an diesen vermeintlichen ‹goldenen Lebensregeln›festzuhalten? Warum überhaupt ‹golden›? Würde ‹silbern› oder ‹bronzen› nicht auch genügen? Oder vielleicht einfach ‹bodenständig›?“
Das leise Schmunzeln im Saal zeigte, dass viele seine Frage verstanden. Eiermann fuhr fort: «Aber was macht einen Menschen wirklich glaubwürdig, vielleicht sogar vollkommener? Es sind sicher nicht die grossen Worte, sondern der ehrliche Umgang mit dem, was uns allen begegnet – mit unseren Fehlern.»
Fehler im Alltag geschehen
Er sprach über die Unvermeidlichkeit menschlicher Irrtümer: Fehler im Alltag geschehen selten mit voller Absicht. Sie passieren. Doch sie zu erkennen und daraus zu lernen, ist schon ungleich schwieriger. Wenn wir begreifen, dass in jedem Fehltritt auch die Chance zu einer echten Veränderung steckt, dann würden wir als Menschheit einen grossen Schritt weiterkommen.“
Er betonte: «Lernen wir also, mit Fehlern umzugehen. Nehmen wir sie ernst, und – das ist entscheidend – sprechen wir darüber! Eine offene und ehrliche Kommunikation kann vieles klären, was sonst Missverständnisse und Spannungen nährt.“ Offenheit, so Eiermann, führe zu einer Win-win-Situation, in der Respekt und gegenseitiges Verständnis wachsen.
«Respekt gegenüber anderen und gegenüber uns selbst», fuhr er fort, «ist für uns Odd Fellows selbstverständlich – in unseren Ritualen, in der Halle, im Refektorium, und im täglichen Leben. Wir begegnen allen Menschen mit Würde, unabhängig von Herkunft, Religion oder Meinung.»
Der Hauptpatriarch sprach von den kleinen Momenten, die den Alltag prägen.Ob die Sonne schein oder der Regen prassele – es seien die Begegnungen, die zähletn. Und manchmal reiche schon ein Missverständnis, um den Tag zu trüben. Darum sollten wir uns bemühen, das Gegenüber zu verstehen statt zu verurteilen.
«Das Ich einmal zu hinterfragen, schadet niemandem»
Seine Worte nahmen dann einen philosophischen Ton an: «Die Perspektive des anderen kann oft interessanter – ja, vielleicht sogar besser – sein als die eigene. Das Ich einmal zu hinterfragen, schadet niemandem. Es kostet Zeit, Mut und Energie, aber es lohnt sich.»
Dann sprach Eiermann über ein Thema, das viele bewegt: die Zeit. «Zeit scheint zur Mangelware geworden zu sein. Jeder hetzt von Termin zu Termin, gefangen in Sachzwängen. Doch gerade deshalb brauchen wir ein Umdenken. ‹Bewusster leben› – das ist für mich kein Schlagwort, sondern eine Haltung. Es bedeutet, nicht im Autopilot-Modus durchs Leben zu gehen, sondern Entscheidungen und Handlungen bewusst wahrzunehmen.»
Er erklärte, was das konkret heissen kann: «Bewusster leben kann vieles sein: Achtsamkeit, Gesundheit, Nachhaltigkeit, innere Balance. Vor allem aber Dankbarkeit. Dankbar zu sein für die kleinen Dinge – das ist vielleicht der Schlüssel.»
In die Runde und sagte Eiermann: «Zeigen wir Verständnis für Menschen, deren Erfahrungen anders sind als unsere. Diese Erfahrungen können uns bereichern – wenn wir offen sind, sie anzunehmen.»
Dann hob er seine Stimme, um seine zentrale Botschaft zu unterstreichen: «Unser Leben ist eine Reise. Auf dieser Reise dürfen wir die ‹goldene Lebensregel› entdecken – und sie auch ausleben. Und vielleicht, wenn wir sie einmal wirklich anwenden, entdecken wir die Leichtigkeit darin. Die Leichtigkeit, diese Lebensreise offener und angenehmer zu gestalten.»
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. «Wie man so schön sagt: Übung macht den Meister. Also üben wir. Jeden Tag ein wenig. Seien wir dankbar für das Hier und Jetzt. Respektieren wir uns alle. Lernen wir aus unseren Fehlern. Und versuchen wir, unser Gegenüber besser zu verstehen.»
Er schloss mit einem Appell: «Bewusster zu leben ist kein fertiges Ziel, sondern ein Weg. Kleine Schritte können schon viel bewirken. Vergessen wir nicht: Wir sind nur einmal hier, und nur für eine kurze Zeitspanne auf diesem Erdball. Machen wir das Beste daraus – mit Herz, mit Respekt und mit einem offenen Geist.»
Der Mensch das Mass der Bildung
Nach der Rituellen Sitzung und den Damen- und Gästeprogramm war es Zeit für den Vortrag. Er wurde diesmal von Heinz Leuenberger, Obermeister der Gastgebenden Henri-Dunant-Loge, gehalten und hatte das Thema «Der Mensch das Mass der Bildung».
Heinz Leuenberger ist auch Präsident des Verbands Thurgauer Schulgemeinden VTGS und von daher hatte er das Thema «Der Mensch das Mass der Bildung» gewält. Er war 36 Jahre als Schulpräsident der Volksschule Erlen und 25 Jahre
Verbandspräsident des Verbandes Thurgauer Schulgemeinden. In seinem Vortrag über die Bedeutung einer schülergerechten Schule stellte zehn Thesen für eine humane Schule in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung vor. Eine Besinnung auf das pädagogische Wesentliche in Schule und Unterricht – auf das, worauf es in einer Bildungs-Einrichtung, die diesen Namen verdient, letztlich ankommt.
Hier eine gekürzte Wiedergabe des Vortrags.Was ist eine «humane» Schule? – Die Antwort von Heinz Leuenberger auf die Frage, was eine «humane» Schule sei lautet:
Human ist eine Schule,
• die dem Facettenreichtum menschlichen Lernens Rechnung trägt,
• in der man Zeit hat, Zeit gibt, sich Zeit nimmt,
• die selbst eine anregende Lernumgebung darstellt,
• in der Kinder das Lernen lernen,
• in der gründliches Verstehen und ganzheitliche Bildung angestrebt werden,
• die offen ist und sich offen hält,
• in der Freiräume und Spielräume bestehen,
• in der Kinder als Persönlichkeiten ernst genommen werden,
• in der Gemeinschaft gepflegt wird,
• mit Lehrpersonen, die beides können: *Sachen klären und Menschen stärken.
Diese Einsichten führen zum ersten Grundsatz:
I. Eine «humane» Schule ist ein Ort, an dem man dem Facettenreichtum mensch-lichen Lernens Rechnung trägt.
Kinder haben Anspruch auf eine Schule, die selbsttätiges Lernen fördert, neugierig macht und Erfahrungen ermöglicht. Unterricht soll das Denken anregen, den Mut zum Fragen stärken und das eigenständige Problemlösen fördern – über das blosse „Hö-ren, Lesen, Schreiben“ hinaus.
II. Eine humane Schule ist ein Ort, an dem man Zeit hat, Zeit gibt, sich Zeit nimmt.
«Alle schnellen Dinge sind Verrat», schrieb Jean Gebser. Unser Bildungssystem leidet unter Beschleunigung: Zeitsparendes Lernen, Rationalisierung, Lehrgänge und Effizi-enzdenken verdrängen das Wesentliche – Musse, Vertiefung, sinnliche Erfahrung.
Bildung braucht Zeit: Zeit für Gründlichkeit, Nachdenklichkeit, für den einzelnen Men-schen. Das griechische Wort «scholé» bezeichnete ursprünglich den Ort der Ruhe und Einkehr. Eine humane Schule ist also ein Ort, an dem Kinder Zeit haben, sich zu vertie-fen, nachzudenken, zu üben – kurz: zu wachsen.
III. Eine humane Schule ist ein Ort, der selbst eine anregende Lernumgebung darstellt.
Unsere Klassenzimmer verraten, was wir unter Lernen verstehen. Allzu oft sind sie Or-te der Belehrung – rational organisiert, aber seelenlos. Dabei verbringen Kinder heute mehr Zeit in der Schule als irgendwo sonst.
Darum braucht es Räume, die zum Entdecken, Erfinden und Mitgestalten anregen – Orte, die Geborgenheit und Neugier zugleich ermöglichen.
IV. Eine humane Schule ist ein Ort, an dem Kinder das Lernen lernen.
«Hilf mir, es selbst zu tun!» (Montessori). In einer Zeit, in der Wissen schnell veraltet, zählt weniger das, «was» man «weiss», als «wie» man lernt. Kinder sollen lernen, selbständig und gemeinsam zu lernen, zu denken, zu kommunizieren, Probleme zu lösen und Konflikte zu bewältigen. Bildung ist heute nicht mehr die «Möblierung des Geistes», sondern Befähigung zur Selbststeuerung.
V. Eine humane Schule ist ein Ort, an dem gründliches Verstehen der Sache und ganzheitliche Inanspruchnahme des Kindes angestrebt werden – durch exemplari-schen Unterricht und Projektarbeit.
Wir wissen viel, aber verstehen wenig. Informationsfülle ersetzt kein Verständnis. Wirk-liches Begreifen braucht Konzentration und Zeit. Martin Wagenschein forderte: «Ver-stehen ist Menschenrecht.»
Darum braucht es Unterricht, der auf Wesentliches konzentriert ist, Zusammenhänge sichtbar macht und über Fächergrenzen hinausgeht – exemplarisch, projektorientiert, tief. Weniger Stoff, mehr Einsicht.
VI. Eine humane“ Schule ist ein Ort, der offen ist und sich offen hält.
Schule darf kein pädagogisches Reservat sein. Sie muss offen sein für die Welt – für das Leben ausserhalb der Klassenzimmer, für unterschiedliche Menschen, Generatio-nen und Kulturen. Lernen geschieht auch vor Ort: in Betrieben, Redaktionen, Werkstät-ten, Altenheimen.
Offenheit bedeutet auch: Kinder dürfen Ideen, Fragen und Vorschläge einbringen; El-tern und Gemeinschaft sollen beteiligt sein. Und: Eine Schule soll offen sein für Neues – für pädagogische Experimente und unkonventionelle Wege. Der Satz «Das haben wir schon immer so gemacht» ist kein Bildungsideal.
VII. Eine humane Schule ist ein Ort, an dem Freiräume und Spielräume existieren und genutzt werden.
Das Leben junger Menschen ist durchorganisiert. Gerade deshalb brauchen sie Räu-me, in denen nicht alles vorbestimmt ist – Räume für Eigeninitiative, für Wachsen, für spielerisches Lernen. «Hilf mir, es selbst zu tun» bedeutet auch: Lass mich ausprobie-ren. Ohne Entscheidungsspielraum entsteht keine Verantwortung, ohne Zeiträume kein echtes Lernen.
VIII. Eine humane Schule ist ein Ort, an dem man Kinder als individuelle Persönlichkei-ten wahrnimmt, ernst nimmt und zur Geltung bringt.
Jedes Kind ist einzigartig. Es bringt Erfahrungen, Ängste, Begabungen mit – eine «Mitgift», wie der Pädagoge Rumpf sagte. Pestalozzi forderte: «Ich vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, sondern jedes nur mit sich selbst.»
Individualisierung gelingt nur durch «sehende Liebe» – eine Haltung, die wahrnimmt, statt zu bewerten. Sie setzt Zusammenarbeit mit Eltern und flexible Unterrichtsformen voraus, die Unterschiede sichtbar machen, statt sie zu verdecken.
IX. Eine humane Schule ist ein Ort, an dem das Gemeinschaftsleben gepflegt wird.
Gemeinschaft stiftet Halt, Verantwortung und Solidarität. Eine Klasse ist nicht automa-tisch eine Gemeinschaft – sie wird es erst durch Pflege. Eine humane Schule ist ein Ort, in dem Vielfalt als Bereicherung erlebt wird, wo Vertrauen, Rücksichtnahme und gegenseitige Wertschätzung wachsen. Hier darf jeder er selbst sein – und zugleich Teil eines Ganzen.
X. Eine humane Schule ist ein Ort mit Lehrpersonen, die beides können: «Sachen klären» und «Menschen stärken».
Alles steht und fällt mit den Lehrpersonen. Gute Lehrerinnen und Lehrer vermitteln nicht nur Wissen – sie leben Werte vor. «Das wichtigste Curriculum der Lehrperson ist ihre Person.» Kinder lesen in unserem Verhalten, was uns wirklich wichtig ist.
Eine humane Schule braucht Erwachsene, die Kinder mögen, sie ernst nehmen und ihnen zutrauen, eigene Wege zu gehen. Lehrpersonen müssen frei sein, zu tun, was sie als richtig erkennen – nur so können sie Vorbild sein.
Kein Luxus, sondern Notwendigkeit
Das Bild einer humanen Schule ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Man kann es für utopisch halten, doch es weist in die richtige Richtung. Schulentwicklung ge-schieht in kleinen Schritten – solange die Gedanken gross bleiben.
Zwei chinesische Weisheiten gab Heinz Leuenberger den Zuhörenden mit auf den Weg:
«Fürchte dich nicht, langsam zu gehen; fürchte dich nur, stehen zu bleiben.“
Und: «Auch tausend Meilen beginnen mit dem ersten Schritt.»
Eine humane Schule beginnt genau dort – mit dem ersten Schritt zu einem menschen-freundlichen Lernen.