Willkommen zu spannenden Inhalten und inspirierenden Geschichten!

Neun Brüder und ein gemeinsamer Wunsch

Was mit neun Luzerner Brüdern begann, ist heute eine hundertjährige Geschichte: Die Winkelried-Loge Nr. 17 der Odd Fellows hat Kriegsjahre, Wirtschaftskrisen, gesellschaftliche Umbrüche und den Wandel der Vereinskultur überlebt. 2027 feiert sie ihr 100-Jahr-Jubiläum.
Winkelried-Loge Nr. 17
Ein Besuch in Luzern lohnt sich nicht nur wegen der Kapellbrücke mit ihrem Wasserturm, hier befindet sich auch der Logensitz der Winkelried-Loge. Foto: BILDOGRAPHIE.SWISS/rs

Die Winkelried-Loge Nr. 17 der Odd Fellows hat Kriegsjahre, Wirtschaftskrisen, gesellschaftliche Umbrüche und den Wandel der Vereinskultur überlebt. 2027 feiert sie ihr 100-Jahr-Jubiläum – mit Respekt vor der Tradition und mit dem Blick auf eine Zukunft, in der Freundschaft, Liebe und Wahrheit nichts an Bedeutung verloren haben.

Die Geschichte beginnt bereits 1922. Neun in Luzern wohnhafte Brüder, die damals Mitglieder der Helvetia-Loge Nr. 1 in Zürich waren, gründeten am 22. November das «Kränzchen Innerschweiz». Der Wunsch nach einer eigenen Loge hatte einen praktischen Grund: Der Weg nach Zürich war lang. Gleichzeitig wuchs der Wunsch nach einer eigenen Gemeinschaft und eigenen Räumlichkeiten.

Die ersten Zusammenkünfte fanden im Kellergeschoss des Hotels Diana statt. Auch das Hotel du Nord und das Hotel Concordia dienten zeitweise als Sitzungslokale. Mit wachsender Mitgliederzahl wurde eine eigene Loge in Luzern zunehmend realistisch. Ein eigenes Logenheim blieb zunächst jedoch zu teuer. Schliesslich fanden die Brüder an der Museggstrasse, hinter dem Hotel de la Paix, Räume in einer ehemaligen Röntgenröhrenfabrik.

Ab Mitte 1926 bauten sie die Räume mit eigenen Mitteln und viel persönlichem Einsatz zu einem Logenheim um. Die Erinnerung an die damalige Zeit umfasst neben viel Enthusiasmus auch den etwas «muffligen Gebäudegeruch» – eine charmante Erinnerung daran, dass Tradition nicht immer mit Komfort verbunden ist.

Der grosse Tag im Januar 1927

Am Samstag, 16. Januar 1927, wurde die 17. Loge des Ordens der Schweizerischen Odd Fellows in Luzern feierlich eingeweiht. Dreissig Brüder gehörten der neuen Loge an und erhielten den Freibrief vom damaligen Gross Sire Artur Gäumann. Rund 220 Brüder aus Odd-Fellows-Logen der ganzen Schweiz sowie die Grossbeamten reisten zur Feier nach Luzern. Das anschliessende Bankett fand im Hotel Schweizerhof statt.

Auch die Freimaurerloge Fiat Lux war als Gast anwesend. Fast ein Jahrhundert später schliesst sich damit ein bemerkenswerter Kreis: Fiat Lux ist heute Vermieterin der Räumlichkeiten an der Murbacherstrasse, in denen die Winkelried-Loge seit Ende 2025 ihre Zusammenkünfte abhält.

Die junge Loge entwickelte sich zunächst erfreulich. Bis Ende der 1930er-Jahre kamen stetig neue Brüder hinzu. Dann veränderten sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dramatisch.

Zwischen Weltwirtschaftskrise und Fonjallaz-Initiative

Die 1930er-Jahre waren von Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichem Zusammenbruch und Unsicherheit geprägt. Zusätzlich bedrohte die Fonjallaz-Initiative die Logen. Sie zielte auf ein Verbot der Freimaurerei und weiterer sogenannter Geheimgesellschaften. Odd Fellows, Freimaurer, Druiden und die Union sahen sich deshalb gezwungen, öffentlich über ihre Ziele und Grundsätze zu informieren.

Was heute vielleicht als «Coming-out» bezeichnet würde, war damals ein Überlebenskampf. Die Logen mussten erklären, wer sie waren und wofür sie standen. Die Initiative wurde vom Schweizer Volk abgelehnt, doch die Auseinandersetzung hinterliess Spuren. Viele Brüder verliessen den Orden.

Dann kam der Zweite Weltkrieg. In dieser schwierigen Zeit zeigte sich zugleich eine Stärke der Winkelried-Loge: Ihre Grundsätze gaben Menschen Halt. Nach den Kriegsjahren füllten sich die Reihen langsam wieder.

Die Frage nach dem Sinn

Zum 40-Jahr-Jubiläum 1967 hielt der damalige Altmeister und erste Obermeister Gottfried Merian Rückschau. Bis dahin hatte die Loge 117 Brüder aufgenommen; 20 waren verstorben, 53 hatten die Loge wieder verlassen. Merian stellte eine bis heute aktuelle Frage: Warum kehren Menschen einer Gemeinschaft den Rücken? Sind ihre Grundsätze zu wenig wirksam? Haben sie nicht die Kraft, dem Leben Halt und Ziel zu geben?

Diese Frage geht weit über die Odd Fellows hinaus. Jede Gemeinschaft muss sich fragen, was sie ihren Mitgliedern bedeutet und weshalb Menschen bleiben. Die Antwort der Winkelried-Loge liegt vielleicht in ihrer Fähigkeit, Tradition und Veränderung zu verbinden.

Nach 50 Jahren ein neues Logenheim

Ein gewisser Rhythmus begleitet die Geschichte der Winkelried-Loge: Nach ungefähr 50 Jahren kam jeweils ein Wechsel der Räumlichkeiten. 1977 bot sich eine neue Gelegenheit. Durch die Vermittlung von Bruder Fredi Haufe konnte die Loge rund 200 Quadratmeter Rohbau in einem Neubau an der Würzenbachstrasse 17 erwerben.

Wieder war Eigenleistung gefragt. Aus dem Rohbau entstand ein Logenheim mit Halle, grossem Refektorium für Bankette, kleinerem Refektorium für Apéros und Küche. Fast 50 Jahre lang wurde es zum Mittelpunkt des Logenlebens. Hier fanden Aufnahmefeiern, Sitzungen, Bankette und zahlreiche weitere Veranstaltungen statt. Freundschaften wurden geschlossen, Generationen von Brüdern begegneten sich.

2005 wurde die Halle umfassend neugestaltet. Bruder Roland Dörig übernahm einen wesentlichen Teil der Planung und Zusatzfinanzierung. Rund 100 Aufnahmefeiern erlebten die Brüder in diesen Räumen.

Abschied nach fast einem halben Jahrhundert

Das Logenheim an der Würzenbachstrasse war Teil eines Wohnblocks. Nach rund 50 Jahren standen umfangreiche Renovationen an, deren Kosten für die Vereinigung zu hoch gewesen wären. Schweren Herzens entschieden sich die Brüder für den Verkauf.

Im Oktober 2025 hiess es Abschied nehmen. Für viele Mitglieder bedeutete dies mehr als einen Umzug: Sie verliessen einen Ort, an dem über Jahrzehnte persönliche Geschichten geschrieben worden waren.

Doch die Geschichte ging weiter. Dank des Engagements einzelner Brüder konnte der Kontakt zur Freimaurerloge Fiat Lux hergestellt werden. Die Winkelried-Loge konnte deren Räumlichkeiten an der Murbacherstrasse 15a untervermieten. Seit Ende 2025 treffen sich die Luzerner Odd Fellows dort jeweils am ersten und dritten Montag des Monats.

Fast hundert Jahre nach der Anwesenheit von Fiat Lux bei der Gründung schliesst sich damit ein bemerkenswerter Kreis.

100 Jahre – und nie stehen geblieben

Wer auf ein Jahrhundert Vereinsgeschichte blickt, könnte eine Loge leicht als Welt unveränderlicher Rituale und Traditionen sehen. Doch auch das Logenleben hat sich gewandelt.

Bei besonderen Veranstaltungen wie Aufnahmefeiern, Beamteneinsetzungen oder Trauerlogen gehört der dunkle Anzug mit silberner Krawatte weiterhin zur Tradition. Bei normalen Sitzungen wurde früher ebenfalls selbstverständlich eine Krawatte erwartet. Heute darf sie weggelassen werden. Die Tradition bleibt bestehen, wird aber an die Lebenswirklichkeit angepasst.

Auch die Musik hat sich verändert. Während früher vor allem klassische Stücke gespielt wurden, steht dem Musikus heute eine grössere Bandbreite offen. Selbst die Sitzungszeit wurde dem gesellschaftlichen Wandel angepasst: Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts trafen sich die Brüder um 20 Uhr, heute beginnt die Sitzung um 19 Uhr.

Geblieben ist der Apéro rund eine halbe Stunde vor der Sitzung. Danach folgen die Sitzung und das gemeinsame Nachtessen. Gerade bei Gesprächen über Beruf, Familie, Alltag, Politik, Gesellschaft oder das Leben entsteht ein wesentlicher Teil jener Gemeinschaft, die eine Loge ausmacht.

Mehr als zwei Sitzungen im Monat

Das Logenleben endet nicht nach den beiden monatlichen Sitzungen. Die Mitglieder wohnen in der ganzen Zentralschweiz und arbeiten in unterschiedlichsten Berufen. Diese Vielfalt gehört zur Gemeinschaft. Menschen verschiedener Generationen und Lebenswelten treffen aufeinander und pflegen den Kontakt auch ausserhalb des eigentlichen Logenbetriebs.

Ein Beispiel ist der «Epikureer-Stamm», den der verstorbene Altmeister Leo Gut gründete. Besonders Mitglieder im Ruhestand treffen sich jeden Mittwochmorgen zum Kaffee. Was besprochen wird, ist offen. Gerade diese ungezwungenen Begegnungen zeigen, dass Gemeinschaft nicht allein durch offizielle Sitzungen entsteht.

Eine bemerkenswerte Vereinstreue

Wie stark die Verbundenheit sein kann, zeigt ein Blick auf die älteren Mitglieder. Einige Brüder sind über 90 Jahre alt und noch immer aktiv. Andere haben der Loge über Jahrzehnte die Treue gehalten und dabei Umzüge, Veränderungen, Krisen und Generationenwechsel miterlebt.

Seit der Gründung 1927 wurden rund 250 Männer in die Winkelried-Loge Nr. 17 aufgenommen. Manche blieben nur wenige Jahre, andere ein ganzes Leben. Einige sind verstorben oder haben die Loge verlassen. Viele aber haben über Jahrzehnte hinweg die Gemeinschaft geprägt. Die Mitgliederstatistik erzählt deshalb nicht nur von Zahlen, sondern von Menschen und Beziehungen.

Die Herausforderung der Zukunft

Heute steht die Winkelried-Loge – wie viele Vereine – vor Herausforderungen. Menschen haben weniger Zeit, Vereine konkurrieren mit zahlreichen Freizeitangeboten und die Bereitschaft zu langfristiger Bindung ist nicht mehr selbstverständlich.

Auch die Odd Fellows finden ihre Mitglieder nicht mehr so selbstverständlich wie frühere Generationen. Damit stellt sich erneut die Frage, die Gottfried Merian bereits 1967 beschäftigte: Haben die Grundsätze noch die Kraft, dem Leben Halt und Ziel zu geben?

Die Winkelried-Loge ist überzeugt, dass die Antwort Ja lautet. Freundschaft, Liebe und Wahrheit – die drei zentralen Begriffe der Odd Fellows – sind nicht an eine bestimmte Epoche gebunden. Sie sind unabhängig von Alter, Beruf und gesellschaftlichem Status humane und ethische Grundwerte.

Vielleicht liegt darin die Erklärung dafür, dass eine Gemeinschaft, die 1922 mit neun Brüdern begann, ein Jahrhundert später noch immer besteht.

 

Am Samstag, 16. Januar 2027, wird gefeiert. Genau an diesem Tag vor 100 Jahren wurdein Luzern die Winkelried-Loge Nr. 17 gegründet. Es geht mit dem Schiff hinaus auf den Vierwaldstättersee. Also bitte das Datum schon einmal vormerken. Einzelheiten werden folgen.

 

Urs Brändli

Über den Autor

Urs Brändli ist Mitglied der Winkelried-Loge in Luzern

Weitere Artikel

Kyburg-Loge: Bewahren durch Veränderung
Werner Schmid
Kyburg-Loge: Bewahren durch Veränderung
Die Kyburg-Loge Nr. 14 in Winterthur blickt inzwischen auf 103 Jahre Geschichte zurück. Am 28. April 1923 wurde aus dem Winterthurer Kränzchen, einem Ableger der Helvetia-Loge, die Kyburg-Loge...
Weiterlesen
Drei Bruderlogen und eine Schwesterloge unter einem Dach
Susanna Bürki Gasser
Drei Bruderlogen und eine Schwesterloge unter einem Dach
In der OFZ 2/2026 berichteten wir über die Gründung der Frauenloge und im speziellen der Frauenloge Nr. 1 Anna Seiler. In folgenden lässt uns die Obermeisterin der Frauenloge Nr. 1 an ihren Gedanken...
Weiterlesen

Login Mitglieder