Mut ist eine grundlegendere Tugend unseres Lebens, welche die Philosophen schon vor mehr als zweitausend Jahren interessierte. So sieht Platon (428-348 v.Chr.) den Mutigen, als eine Person, die bewusst ein Risiko eingeht, ohne sich von der Angst davor lähmen zu lassen. Aristoteles (384-322 v.Chr.) vertrat die Meinung, dass «nur der mutige Mensch glücklich werden kann.» Die glückliche Person, so Aristoteles, wird von ihrer Fähigkeit abhängig sein, ihre natürlichen Gegebenheiten optimal zu nutzen und dazu braucht sie Mut.
Diese Verbindung von Glück und Mut kommt auch im Diktum «Sapere Aude,» zum Ausdruck. Der Satz stammt von Horaz, der 65 v.Chr. in Süditalien geboren wurde und 8 n.Chr. in Rom starb. In Deutsch bedeutet «sapere aude»«Wage zu Wissen», mit anderen Worten habe den Mut zu Wissen!
Der französische Philosoph René Descartes (1596-1650) sieht im Mut eine Leidenschaft, die den Menschen zur Ausführung der gefährlichsten Dinge verleitet.
Immanuel Kant (1724-1804) versteht den Mut als Voraussetzung, um sich des eigenen Verstandes zu bedienen, denn nur so vermag der Mensch die «selbstverschuldete Unmündigkeit» zu überwinden.
Der französische Philosoph Albert Camus (1913-1960) versteht den Mut als tragender Begriff in seiner Philosophie. Diese sieht die Welt als «sinnentleertes» Gebilde. Der Mensch braucht daher eine grosse Portion Mut, um sein Dasein auf dieser Welt zu verteidigen. Für Albert Camus ist deshalb der Mut die wichtigste Voraussetzung, um dem Leben auf dieser Welt trotzdem einen Sinn zu geben.
Mut zur Wahrheit
Wir schliessen diese unterschiedlichen Interpretationen des Begriffes Mut mit jener des Franzosen Michel Foucault (1926-1984). Er plädiert für den «Mut zur Wahrheit» in jedem Fall, selbst wenn man dabei das eigene Leben riskiert.
Mutig waren auch die Philosophen des sogenannten «Wiener Kreises», die sich in der Zeit von 1922 bis1938 versammelten. Es handelte sich um eine Gruppe von Philosophen, die unter Ablehnung der Metaphysik, die Philosophie des Diesseits zum Thema hatten. Ihr Ziel war die Schaffung einer rational konstruierten Einheitssprache, die alle bestehenden Inhalte des menschlichen Wissens neu überprüfen und begründen sollte. Ein überaus mutiges Vorhaben an dem sich namhafte Philosophen beteiligten. Der »Wiener Kreis» hatte den Mut, eine Stimme zu vertreten, die auf eine neue «Epoche der Aufklärung» hinwies. Wir Heutigen wissen, dass die Geschichte ganz anders verlief und die Welt in den zweiten Weltkrieg stürzte! Am Vorabend desselben löste sich der «Wiener Kreis» auf!
Das Glarner Bettags-Mandat
Mut hatte auch die Glarner Regierung mit ihrem traditionellen Bettags-Mandat vom September 2000, denn sie vermittelt darin drei Kernaussagen:
- Die bisherigen Leitlinien und Fixpunkte unserer traditionellen Lebenswege,
verlieren zusehends an Bedeutung und relativieren sich stetig. - Wir sehen uns konfrontiert mit einer grossen Auswahl von Chancen und Möglichkeiten, wir sind Teil einer multioptionalen Gesellschaft.
- Wir stellen mitunter fest, dass wir dieser Qual der Wahl nicht immer gewachsen sind und wir uns sorgen, die richtige Wahl getroffen zu haben, sei es im privaten wie auch im beruflichen Bereich.
Das Bettags-Mandat der Glarner Regierung schliesst wie folgt: »Etwas ist klar: Ein gutes, gesundes Selbstbewusstsein und ein grundlegendes Vertrauen ins Leben sowie in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten bekommen grosse Wichtigkeit; ein tiefes Empfinden für die Würde des Menschen und genauso für die der ganzen mit geschöpflichen Umwelt ist notwendig.»
Wie sind obige Aussagen zu werten und wie sind sie in unseren persönlichen Kontext einzuordnen? Ich denke, dass wir den Mut brauchen, die obigen Aussagen als Zeichen für die Pluralität der Lebenswege zu betrachten. Die Konfrontation mit einer grossen Auswahl von Chancen und Optionen bietet grundsätzlich für jeden Einzelnen die Möglichkeit der Wahl, die ihm die maximale Entfaltung seiner Fähigkeiten erlaubt.
Gleichzeitig birgt diese Ausgangslage auch die Gefahr, die vom österreichischen Philosophen Paul Feyerabend (1924-1994) unter der Kurzform «anything goes» subsumiert wurde.
Jeder Weg und jede Option können versucht werden und dazu braucht es Mut, denn keine Option stellt den absoluten Wert dar, keine enthält die absolute Wahrheit. Die Vervielfachung möglicher Lebensoptionen ist einerseits eine Chance und andererseits eine bedeutende Herausforderung. Der Einzelne steht vor der Qual der Wahl und in der Angst, an einer wichtigen Wegmarke die falsche Wahl zu treffen
In der Zeitschrift für Christliche Kultur «Stimmen der Zeit», die von der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten in München herausgegeben wird, las ich unlängst einen Artikel mit dem Titel «Von der Unsicherheit des Lebens», Verfasser ist Stefan Kiechle (*1960) in Freiburg im Breisgau, Mitglied des Jesuitenordens.
Der Artikel beginnt mit der Feststellung, dass der Mensch Sicherheit sucht, die eine feste Ordnung gewährt. Diese konkretisiert sich durch Stabilität, materielle Sicherheit und Perspektiven für die Zukunft. Der Autor stellt jedoch fest, dass die Unsicherheit wächst und dass die traditionellen Einrichtungen des Staates und der Kirchen in unserer buntscheckigen und flüssigen Kultur nicht mehr ausreichen, die Unsicherheit des Einzelnen aufzufangen. Dieser braucht Mut und Zuversicht, wenn er den Ratschlägen von Kiechle folgen will.
Kiechle schlägt nämlich vor, dass der Einzelne auch jenen zuhört, die andere Meinungen, Präferenzen und Stile pflegen. Das mag den Einzelnen zu Beginn zu verunsichern, doch auf die Dauer hilft es, andere besser zu verstehen, Toleranz und Respekt zu lernen und sich der Wahrheit der Fakten zu nähern, auch wenn dadurch das eigene Weltbild verstärkt in den Dialog eingebracht werden muss. Es braucht Mut, sich diesem Prozess zu stellen, aber es ist unerlässlich.
Sich dem Lebensfluss stellen
Das Leben, so Kiechle, gleicht einem Fluss, der immer in Bewegung ist. Er reisst Dinge mit, verwirbelt sie, lässt sie verschwinden und dafür anderes wieder auftauchen, bringt vieles durcheinander und anderes in ruhiges und klares Wasser! Der Mensch darf sich vertrauensvoll in die unruhige Flut stürzen, denn sie trägt doch besser als befürchtet. Bei Kiechle spielt der religiöse Glauben eine bedeutende Rolle. Dennoch, so denken wir, braucht es auch Mut, um sich dem Lebensfluss zu stellen und darauf zu vertrauen, dass das Leben als Ganzes getragen und sicher ist und auf ein gutes Ende zusteuert.
Trotzdem wird das gute Ende nicht ohne Verluste, Sterben und Tod gehen aber durch Negationen, so Kiechle, wird der Mensch zu neuem Leben geführt. Das heisst, dass durch die Negation von Sterben und Tod sich etwas Entgegengesetztes einstellt, für den Glaubenden ist es das Leben in der Ewigkeit.
Zum Schluss möchte ich noch einen Blick auf die Politik werfen. Durch die Demokratie sind wir auf den Kompromiss angewiesen, denn nur so ist das Gespräch mit dem politischen Gegner möglich und die Lösung anstehender Probleme gewährleistet. Dazu braucht es einerseits Mut, die eigene Position zu relativieren und andererseits Vertrauen in die Absichten des politischen Kontrahenten, denn nur so werden wir der Komplexität der politischen Probleme gerecht.