Wenn ich an das Wort «Mut» denke, kommen mir viele Dinge in den Sinn. Es kann im physischen Sinne verstanden werden, im Zusammenhang mit dem Helden, dem Krieger, dem mutigen Menschen (im Sumerischen der 3. Jahrtausend v. Chr.) oder auch als stark, mutig beschrieben (um 2600 v. Chr. in den ägyptischen Hieroglyphen), oder im antiken griechischen Zusammenhang, wie in der Ilias (andreia: Mut), wo Hector und Achilles mit diesem Begriff bezeichnet werden. Der Begriff Mut wurde seltener auf Frauen angewendet als auf Männer, da in traditionellen Gesellschaften der Mut und die Heldentaten oft mit Männern verbunden wurden. Dennoch gibt es frühe Beispiele, in denen Frauen als mutig oder heldenhaft beschrieben werden.
Von mutigen Frauen
In Homers «Ilias» tritt Andromache auf, die Frau des Hector, die nach dem Tod ihres Mannes mit Würde und Stärke ihr Schicksal trägt, was im Kontext der damaligen Ideale als mutig gilt. Obwohl der Begriff «mutig» nicht direkt auf sie angewendet wird, deuten ihre Taten und ihr Verhalten darauf hin. Auch in der römischen Geschichte finden sich Beispiele. Der römische Historiker Tacitus erwähnt in seinem Werk «Germania» die Tapferkeit der germanischen Frauen, die ihre Männer in den Kämpfen anfeuerten und selbst bereit waren zu kämpfen. Obwohl der Begriff «mutig» nicht direkt verwendet wird, wird aus den Beschreibungen deutlich, dass die Frauen heroisches Verhalten zeigten. In der mittelalterlichen Literatur gibt es ebenfalls Frauenfiguren, die als mutig bezeichnet werden. In Geoffrey Chaucers «Canterbury Tales» erscheint die «Erzählung der Dame», in der die Tapferkeit und Tugend der weiblichen Hauptfigur hervorgehoben werden. Hier wird der Begriff «mutig» explizit für die weibliche Charaktere verwendet.
Im geistigen und seelischen Kontext wurde der Begriff des Mutes auch schon im antiken Griechenland aufgegriffen, und auch in der Bibel finden wir Hinweise darauf. Im Matthäusevangelium (Mt 10,28) ermutigt Jesus seine Jünger, sich nicht vor denen zu fürchten, die den Körper töten können, sondern eher vor dem, der auch die Seele zerstören kann. Diese Lehre betont die Bedeutung des seelischen Mutes und die Notwendigkeit, sich von der Angst zu befreien.
Eine Tugend der menschlichen Seele
In der antiken griechischen Philosophie wurde Mut nicht nur als physische, sondern auch als geistige Tugend behandelt. In «Der Staat» beschreibt Platon Mut als eine der Tugenden der menschlichen Seele, die nicht nur körperliche, sondern auch geistige Herausforderungen umfasst. Die geistigen Herausforderungen in Platons Philosophie hängen häufig mit der Entwicklung der menschlichen Seele und der Suche nach Wissen zusammen. In Platons Werk beziehen sich diese Herausforderungen nicht nur auf äussere Umstände, sondern auch auf die innere Entwicklung und moralische Erhebung des Individuums.
Ist also die wahre Herausforderung geistiger Natur? Die Suche nach Wahrheit, durch die unsere Seele sich entwickelt?
Die dunkle Seite
Meiner Meinung nach erfordert der Prozess, zu sich selbst zu werden, Mut, weil man sich mit seinem eigenen Unbewussten, seinen inneren Konflikten und Ängsten auseinandersetzen muss. Dieser Prozess ist oft schmerzhaft und furchteinflössend, weil man das gewohnte Selbstbild aufgeben muss, um zu einer tieferen Selbstkenntnis zu gelangen. Carl Gustav Jung sagte: «Wir können nicht bewusstwerden, ohne Schmerz zu empfinden.» (Aion: Studien zur Symbolik des Selbst). Dieser Gedanke zeigt, dass Jung zufolge die innere Entwicklung Mut erfordert, weil man sich dem Schmerz und dem Unbekannten stellen muss. Jung zufolge trägt jeder Mensch den Schatten in sich, die verdrängten, unangenehmen oder furchteinflössenden Teile seiner Persönlichkeit. Sich mit dem Schatten auseinanderzusetzen, ist eine der grössten Mutproben, weil man auch die dunkle Seite seiner selbst anerkennen muss.
«Niemand kann erleuchtet werden, indem er sich Bilder vom Himmel ausmalt, sondern indem er die Dunkelheit bewusst macht.» (Alchemistische Studien) Dies deutet darauf hin, dass Mut nicht nur eine äussere Handlung ist, sondern auch eine innere Reise, bei der man sich mit seinen Fehlern und Schwächen auseinandersetzen muss.
Wer möchte schon gerne seinen Fehlern, Schwächen oder Ängsten ins Auge sehen? Haben wir nicht oft Schamgefühle uns selbst oder anderen gegenüber, wenn wir Fehler machen? Fürchten wir uns nicht oft vor den Konsequenzen unserer Worte und Taten?
Kürzlich hörte ich ein Interview mit John Cleese, dem Gründer von Monty Python, der sagte, dass wahre Freiheit für ihn darin besteht, sich frei auszudrücken (durch Worte oder Taten), ohne Angst vor den Konsequenzen zu haben. Und wenn wir darüber nachdenken, ist das oft nicht so einfach, weil es nicht nur auf der Entscheidungs- oder theoretischen Ebene geht, sondern oft auf der Ebene der Auseinandersetzung mit uns selbst, mit unserer Seele.
Liebe zur Wahrheit und zur Selbstliebe
Diese Auseinandersetzung mit uns selbst setzt jedoch die Liebe zur Wahrheit und zur Selbstliebe voraus, dass wir ein besserer Mensch werden wollen und nicht stagnieren oder rückwärts gehen auf dem begonnenen Weg. Werden wir fallen? Wir werden immer fallen. Die Frage ist eher, wie oft wir wieder aufstehen wollen, indem wir aus den Fehlern lernen.
Es ist nicht unmöglich, mutig gegenüber unseren Ängsten und Schatten zu sein. Mit offenen Augen (und Seele) ist es realisierbar. Es geht nicht um grosse Schritte. Jeder grosse Weg beginnt mit einem Schritt.
Ein berühmtes Zitat des französischen Schriftstellers André Gide kommt mir in den Sinn: «Der Mensch kann keine neuen Welten entdecken, ohne eine Zeitlang alle Sicherheit zu verlieren.» Um die Unsicherheit zu ertragen, muss man Mut aufbringen. Die wahre Entdeckung – sei es in physischen oder geistigen Welten – setzt voraus, dass man die Unsicherheit und das Unbehagen in Kauf nimmt. Mit anderen Worten: Mut ist dafür erforderlich.
Sowohl psychologische als auch spirituelle Studien können uns helfen, uns selbst besser kennenzulernen und uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Der Kontakt mit unserem Inneren kann durch Meditation, Gespräche oder Tagebuchschreiben entstehen. Kunst kann ein Ausdrucksmittel dafür sein, was in uns vor sich geht. C.G. Jung, Viktor Frankl, Nelson Mandela – all diese Menschen sind ein Beispiel für diejenigen, die sich mit sich selbst auseinandergesetzt haben. Ihre Geschichten und andere ähnliche können uns inspirieren, unseren eigenen inneren Weg zu gehen.
Viktor Frankls Leben und Werk lehrt uns, dass das Leiden Sinn finden kann, wenn wir in der Lage sind, unsere innere Stärke zu finden und den Schwierigkeiten einen Sinn zu geben. Für Frankl war Mut nicht nur die Ausdauer in physischen Herausforderungen, sondern auch die Suche nach dem Sinn des Lebens, selbst in den grössten Leidensmomenten. Sein Werk hat uns geholfen zu verstehen, dass Mut eine innere Wahl ist, die es uns ermöglicht, selbst in den schwierigsten Momenten Stärke zu finden. Indem ich diese Lehren befolge, kann auch ich meinen eigenen inneren Weg fortsetzen.