Rituale sind Handlungen und Handlungen zielen auf Veränderung. Wo keine Grenzüberschreitung, keine Veränderung, kein Wechsel stattfindet, gibt es keine Rituale. Der Begriff «Ritual» wird heute sehr weit gefasst. Für die einen sind Rituale, ganz banal, mehr oder weniger gleichbleibende, wiederkehrende Handlungen. Als Beispiele dazu führen sie Zähneputzen oder Kaffeetrinken an. Für andere sind Rituale soziale Ereignisse und Handlungen, die, oft unter Einbezug von Symbolen, von ästhetischem Charakter sind und ein besonderes Zusammenspiel zwischen Sprechen und Handeln beinhalten.
Ursprung und Wesen der Symbole
Seit Urzeiten kommunizieren Menschen mit Hilfe von Symbolen. Symbole entstammen der vorsprachlichen Entwicklung des Menschen und sprechen tiefe Schichten seiner Seele an. Sie sind die bildhafte Form abstrakter Archetypen, die im kollektiven Unbewussten eines jeden Menschen angesiedelt sind. Archetypen sind Muster, über die konkrete Objekte Symbole anstossen. Dank ihnen tauchen in uns unbewusst Symbole auf, die Verbindungen sind zwischen einem Objekt und einem ungegenständlichen Begriff. Nach C. G. Jung ist das kollektive Unbewusste eine allen Menschen gemeinsame psychische Grundstruktur. Archetypen als universelle Urformen sind Teil dieser Struktur. Das Wissen über sie müssen wir nicht erlernen. Es ist von Anfang an in uns allen angelegt und kann spontan aktiviert werden. Symbole können somit jederzeit unbewusst auftauchen.
Symbole spannen eine Brücke von einem konkreten, sinnlichen Zeichen zu einer ungegenständlichen, geheimnisvollen, intuitiv erfahrbaren Wirklichkeit. Sie vermitteln zwischen Rationalem und Irrationalem. Sich mit Symbolen zu beschäftigen bedeutet, sich mit Unbegreiflichem zu befassen, denn Symbole verweisen auf etwas Unbestimmtes. Daraus folgt: Der Begriff «Symbol» lässt sich nicht definieren, denn Symbole bestehen, neben einer konkreten Wirklichkeit, auch aus einer verborgenen, geistigen Wirklichkeit. Definieren aber heisst, etwas mittels rational exakter Begrifflichkeit festzulegen, was bei einer geistigen Wirklichkeit nicht gelingt.
Sachen kann man zählen, messen, bildlich festhalten, konkret beschreiben. Sachen haben einen Wert, sie können gekauft und getauscht werden. Man kann sie ersetzen. Unersetzlich sind Empfindungen wie Geborgenheit, Liebe oder Hoffnung. Gemütserregungen besitzen keine Masse und keinen Gegenwert, man kann sie weder tauschen noch kaufen. Sie sind nicht machbar. Sie überkommen uns. Niemand kennt sie ganz. Sie sind eine verborgene oder innere Wirklichkeit, die sich in Symbolen offenbart. Symbole sind nichts Statisches. Sie können sich im Laufe der Zeit wandeln, können neu interpretiert werden oder absterben. Neben allgemein verwendeten Symbolen können soziale Bewegungen eigene entwickeln, die eine klare Botschaft transportieren und Identifikation schaffen.
«Es gibt Sachverhalte, die sich auf direkte und eindeutige Weise gar nicht ausdrücken lassen, wir brauchen dann eine Sprache, die mehr transportiert als nur einen klar fassbaren Sinn… Wenn es um tiefe seelische Vorgänge oder um emotionale zwischenmenschliche Geschehnisse geht, dann sind wir auf symbolische Zeichen und Worte angewiesen, weil wir uns sonst nicht mehr ausdrücken könnten.“ (Betz Otto, Symbolforscher)
Beispiele solcher Sachverhalte sind: Glaube oder wichtigen Erfahrungen wie Achtsamkeit, Freundschaft, Liebe oder Hoffnung.
Symbole sind Sinnbilder, Träger eines Sinns. An sich kann jedes Zeichen, das der Kommunikation dient und mit Sinn verbunden werden kann, zum Symbol werden, ob Ton, Wort, Handlungen, natürlicher Gegenstand oder Bild. Jedoch ist nicht jedes Zeichen gleich ein Symbol. Ein Symbol entsteht erst durch einen Sinnbezug, der Deutung, die über das Zeichen selbst hinausweist. Ein Symbol besteht aus zwei Elementen, dem Signifikanten, dem materiellen Bedeutungsträger, dem Zeichen an sich und dem Signifikat, seiner Bedeutung, dem Darzustellenden, dem empirisch nicht erschliessbaren Wesen der Dinge. Als Zeichen haben Symbole einen Bedeutungsüberschuss. Ihre Bedeutung konkretisiert sich in der Regel erst in einem bestimmten Kontext.
Die Wirkung von Symbolen
Symbole dienen kommunikativen Zwecken. Sie sind sinnlich erfahrbar und ermöglichen in die Tiefe zu gehen. Symbole wirken auf das menschliche Bewusstsein und rufen starke emotionale Reaktionen hervor, können Wünsche und Ängste wecken. In ihnen artikulieren sich Kräfte des Unbewussten. Sie aktivieren Erinnerungen und fördern deren emotionale Verarbeitung. In ihrer Bedeutung jedoch sind sie nicht eindeutig zu dechiffrieren. Beispielsweise kann, als Symbol, das Bild einer Sonne «Wärme» bedeuten, was als physikalische Eigenschaft ein Gefühl von Behaglichkeit auslösen kann. Wird die Wärme jedoch zu gross, als Hitze empfunden, ruft sie Unbehagen hervor. Im Sinne von emotionaler Wärme stösst das Symbol «Sonne» Geborgenheit an, was je nach Stimmung aufhellend wirken kann und so, über die Verbindung «Sonne – Licht», neue Symbole auferstehen lässt, solche von Licht, Leben oder Energie. Über ihre Unbestimmtheit sind Symbole untereinander vernetzt, das eine kann zum andern führen. Symbole regen in uns einen geistigen wie auch einen emotionalen Informationsfluss an. Sie geben zu denken! Was steckt hinter dem Symbol? Was bedeutet es für mich? Was macht es in, mit mir? Welche Empfindungen löst es aus? usw.
Symbole machen gemeinsame Werte sichtbar. Sie schaffen Identifikation, sind essenziell für die Integration in Gemeinschaften. Sie fördern, oft zusammen mit Ritualen, ein Zugehörigkeitsgefühl und Zusammenhalt.
Die Entwicklung des Begriffs «Ritual»
Es ist gar nicht so einfach, sich über den Begriff «Ritual» Klarheit zu verschaffen, denn er ist sehr vieldeutig. Dieses komplexe, vielschichtige und stark verbreitete Phänomen «Ritual» wird heute interdisziplinär angegangen. Die verschiedensten Wissenschaftszweige befassen sich damit, was zu beinahe so vielen unterschiedlichen Ritualdefinitionen führt, wie es Ritualforscher gibt.
Bei Wikipedia heisst es: «Ein Ritus ist eine in den wesentlichen Grundzügen vorgegebene Ordnung für die Durchführung zumeist zeremonieller, speziell religiöser und insbesondere liturgischer Handlungen.» Dieser Bezug zum Religiösen rührt wohl daher, dass es anfänglich, im späten 19. Jahrhundert, vor allem Ethnologen, Anthropologen und Religionswissenschaftler waren, die in Feldstudien Handlungen und Zeremonien indigener Völker erforschten. In den kultischen und religiösen Handlungen, mit denen diese «primitiven» Völker Götter, Naturkräfte sowie Fabelwesen verehrten und versuchten, auf diese Kräfte Einfluss zu nehmen, sie gütig zu stimmen, erkannten die Forscher ähnliche Strukturen, die sie analysierten und beschrieben. Daraus entstanden die ersten Ritualtheorien.
Heute sind fast alle sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen an der Ritualforschung beteiligt. Soziologische, ethnologische, historische und archäologische Forschungen der letzten 100 Jahre führten zu einer Erweiterung des Begriffs «Ritual». Heute wird das Ritual als etwas universal Menschliches verstanden, etwas, das in allen Kulturen und in vielen Lebensbereichen zu finden ist. Rituale sind nicht mehr nur im religiösen Bereich feststellbar, sondern ebenso im politischen, gesellschaftlichen, sportlichen oder kulturellen Kontext. Neben vorwiegend Mystischem und Religiösem wird heute auch Profanes, Alltägliches zu einem Ritual. Nach einer weiten Fassung des Begriffs ist bereits eine Routinehandlung ein Ritual. Beinahe alles, was wiederholbar ist, wird als «Ritual» bezeichnet. Das beginnt beim Zähneputzen oder Kaffeetrinken und endet bei triebhaftem Verhalten von Tieren, zum Beispiel ihrem Balzverhalten. Da stellt sich die Frage, können Routine, reine Gewohnheiten, oder Zwangshandlungen, triebhaftes oder gar krankhaft stereotypes Verhalten als Ritual bezeichnet werden? Persönlich neige ich zur Antwort: Nein. Was aber macht eine Handlung zu einem Ritual?
Eingrenzung des Begriffs
Routinen oder triebhaftes Verhalten sind auf einen Zweck, auf Effizienz ausgerichtet. Beispielsweise bezweckt Zähneputzen die Gesunderhaltung der Zähne und das Balzverhalten zielt auf eine selektive Arterhaltung. Als Handlung peilen auch Rituale ein Ziel, eine Veränderung an. Effizienz aber ist weniger ihr Ding. Indem sie eine bildhafte Sprache und Symbole verwenden, die über das rein Profane hinausweisen, wirken sie eher indirekt über das Emotionale.
Aus den verschiedenen Ritualtheorien kristallisieren sich Gemeinsamkeiten heraus, die Rituale von reiner Routine und von Stereotypen abgrenzen. Damit ein Ritual entsteht, braucht es immer neben einem Anlass, z. B. dem Wechsel einer Rolle, einer Lebensphase oder eines Status, auch eine klare Absicht und einen formellen Beschluss. Zufällig, unbeabsichtigt, so nebenbei entsteht kein Ritual. Rituale bedingen zudem die Freiheit des Entschlusses. Die Fähigkeit, selbständig zu entscheiden und einen gefassten Vorsatz in die Tat umzusetzen, ist Voraussetzung für ein Ritual. Demzufolge können triebhafte oder krankhaft stereotype Verhalten keine Rituale sein, denn ihnen fehlt die Freiheit des Entschlusses. Ferner bedingen Rituale Öffentlichkeit, was jedoch nicht heissen soll, dass sie für jedermann zugänglich sein müssen. Es bedingt nur, dass sich mehrere Personen, mindestens deren zwei, daran beteiligen.
Rituale weisen auf Geschehen hin, die grösser sind als die Handlung selbst und die sich zeitlich und räumlich von anderen Geschehnissen abgrenzen. Oft finden sie in einem sakralen Raum und in einer sakralen Zeit statt oder schaffen diese selbst. Rituale sind stilisierte, förmliche und regelgebundene Handlungen mit einer festgelegten Struktur. Sie gliedern sich in einen klaren Anfang, einen Mittelteil – die eigentliche Veranlassung, die Absicht des Rituals – und ein festgelegtes Ende. Somit sind sie wiederhol- und nachahmbar. Und doch ist jedes Ritual einmalig. Das eine Mal wird es feierlich durchgeführt, die Handelnden sind voll auf das Ritual konzentriert. Ein andermal «spulen» sie es unbeteiligt ab. Von Mal zu Mal werden Texte unterschiedlich betont oder ein Teil wird ausgetauscht, vergessen oder bewusst weggelassen. Wie immer sie auch durchgeführt werden, bewirken Rituale die angestrebte Veränderung. Dabei gilt: Alles, was rituell geschaffen wurde, kann nur wieder rituell verändert oder aufgehoben werden. So muss eine rituell eröffnete Sitzung zwingend rituell geschlossen werden.
Die Wirkung von Ritualen
Dank vertrauter, wiederkehrender Handlungsmuster schaffen Rituale Sicherheit und Geborgenheit. Sie kreieren, verändern und festigen Werte, helfen Unsicherheiten, die bei Übergängen entstehen können, zu meistern, Krisen zu bewältigen und Differenzen zu überwinden. Empfundene Unordnung verwandeln sie in Ordnung. Dadurch geben sie Halt und schenken Hoffnung. Sie schaffen und stärken persönliche und kollektive Identität, wie auch soziale Rollen und Statusunterschiede. Sie unterstützen Übertritte in neue Lebensphasen und ermöglichen Gemeinschaften, können dadurch allerdings auch ausgrenzen.
Ritual und Symbole
Die Verbindung zwischen Symbolen und Ritualen ist bedeutsam. Nach einem engeren Verständnis wird erst dann von Ritual gesprochen, wenn wiederkehrende Handlungsmuster mit bestimmten Symbolen verbunden sind. Viele dieser Rituale, wenn nicht gar alle, die mehr sind als Routine, die Sinngehalte vermitteln, auf die Teilnehmenden eine tiefe Wirkung ausüben, sind heilig. Heilig nicht in einem streng religiösen, transzendenten Sinne, sondern eher im Sinne eines profanen «Das ist mir heilig!», im Sinne von etwas, das uns Ehrfurcht abverlangt, bedeutsam, unverhandelbar für uns ist. Rituale sind heilig, weil sie Werte betreffen, die den Beteiligten wichtig sind. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Symbole, denn viele dieser wichtigen Werte lassen sich nur mithilfe von Symbolen ausdrücken. Andererseits sind es vielfach Symbole, die ein Ritual heiligen, Symbole, die das Emotionale ansprechen.
Symbole vermitteln Ritualen existentielle Tiefe, die über Raum und Zeit der Handlung hinaus auf etwas Bedeutenderes verweisen. Durch die Integration von Symbolen werden Rituale lebendiger, feierlicher und in ihrer Aussage und Wirkung verstärkt. Die Bedeutung von Symbolen liegt auch darin, dass sie kulturelle Identität bewahren und weitergeben. Indem sie gemeinsame Werte sichtbar machen, fördern sie zusammen mit dem Ritual ein Zugehörigkeitsgefühl. Gemeinsame Symbole mit vereinbarter Aussage ermöglichen in den Ritualen Werte, ohne viele Worte anzusprechen. Für den Eingeweihten genügt ein kurzer Hinweis auf das Symbol. Rituale werden dadurch entlastet und vereinfacht.
Abschliessend erlaube ich mir noch eine persönliche Bemerkung zum Thema «Ritual». Das Sakrale, das «echten» Ritualen innewohnt, verpflichtet zu einem sorgfältigen Umgang. Neben einem gepflegten Zelebrieren beinhaltet das auch Sorgfalt bei der Erstellung von Ritualen. Ein Ritual sollte sich klar auf eine Veranlassung konzentrieren und diese gezielt anstreben. Lange, ausschweifende Rituale ermüden, senken die Aufmerksamkeit, lassen abschweifen und schmälern so ihre Wirkung. Auch für Rituale gilt: «In der Kürze liegt die Würze». Das Heilige im Ritual verpflichtet auch zu Qualität, selbst im Bereich, der nur wenigen einsehbar ist. Auf orthografische, grammatikalische und Satzzeichenfehler sollte genauso geachtet werden wie auf ein gediegenes Layout, denn letztlich sind sie Ausdruck des Engagements der Autoren.