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Zwischen Wahrheit und Erscheinung 

Ein Ritual ist eine formelle, nach festen Regeln ablaufende Handlung mit klar definierter Symbolik. Daraus geht hervor, dass Rituale und Symbolik zusammengehören, sei dies im weltlichen oder im religiösen Bereich. Ich möchte zudem untersuchen, inwieweit die erwähnte Zusammengehörigkeit, den Charakter eines Phänomens haben.
Zwischen Wahrheit und Erscheinung
UFOs stehen beispielhaft für eine unmögliche Wahrheit. Foto: Foto: betidraws! bei pixabay

In meinem Artikel für diese Zeitschrift in der Ausgabe 3/2024 schrieb ich, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei. Ich möchte auf den damaligen Beitrag zurückkommen, denn er zeigt anhand der zumutbaren Wahrheit, wie Rituale und Symbolik einander bedingen.
Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) hat 1959 in ihrer Rede in Bonn anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises für Kriegsblinde folgendes gesagt: «Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist den Menschen zumutbar.»

Die Wahrheit ist auch das Ergebnis von Ritual und Symbolik
Das gilt auch für die unmögliche Wahrheit, die nach dem Stand der Erkenntnisse, gar keinen Bestand hat. Diese Wahrheit hat aber ein zweites Gesicht: Die unmögliche Wahrheit ist oft Synonym für die unzumutbare Wahrheit und diese gibt es, so Ingeborg Bachmann nicht, denn die Wahrheit ist auch das Ergebnis von Ritual und Symbolik. Wir Menschen tendieren dazu die für uns unzumutbare Wahrheit mittels angepasster Rituale und Symbolik sozusagen zu entschärfen.

Dies gilt auch für die sogenannten «unknown flying objects», kurz UFOs genannt. Diese stehen beispielhaft für eine unmögliche Wahrheit, denn seriöse Forscher gehen davon aus, dass es in den Weiten des Universums wahrscheinlich ausserirdisches Leben gibt, Ritual und Symbolik lassen darauf schliessen. So gibt es auch viele Augenzeugen, die UFOs gesehen haben wollen.

Der US-Geheimdienst hat 2021 einen Bericht veröffentlicht, der eine bedeutende sprachliche Änderung enthält: Der Bericht spricht nicht mehr von UFOs, sondern von UAP, was sognannte «unidentfied aerial phenomenon» sind. Man spricht damit fortan von undefinierbaren Erscheinungen in der Luft, die zum Beispiel durch amerikanische Militärpiloten beobachtet werden konnten.

Die Theorie der Phänomenologie
Diese neue sprachliche Regulierung der US-Militärs kommt einer Übernahme von Immanuel Kants (1724–1804) Lehre gleich, denn dieser versteht unter dem Phänomenalismus eine Vorgehensweise, die Gegenstände nur so erkennt, wie sie uns erscheinen und nicht wie sie an sich sind, Damit entfällt auch die Frage nach der Wahrheit des Seins der gesichteten Gegenstände. Das US-Militär hat mit seinem Phänomenalismus einen Weg gewählt, der den einen oder anderen motiviert dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Die UFO-Theorie öffnet aber auch die Türe zur Spekulation und das ist für den Philosophen Grund genug sich mit dieser Theorie etwas näher zu befassen.
Die Theorie der Phänomenologie wurde im 20.Jahrhundert vom tschechischen Philosophen Edmund Husserl (1859–1938) geprägt. Husserl wurde 1859 in Prossnits, dem heutigen Prostéjov in der Tschechischen Republik geboren. Er begann seine akademische Laufbahn als Mathematiker in Wien.1891 verfasste er das Werk «The Philosophy of Arithmetic». Das führt Husserl in das Innere der Mathematik und daraus leitet er Nachstehendes ab: er ist der Meinung, dass uns die Dinge und Vorfälle des Lebens so vorgelegt und derart beschrieben werden, dass wir die sie auch verstehen können. Die genaue Beschreibung der Dinge obliegt der Philosophie. Sie, so Husserl, sollte sich darauf konzentrieren uns fremd erscheinende Vorfälle zu beschreiben und zu erklären.

Psychologisches und transzendentales Ich
Husserl handelt auch so und bietet dabei für seine Zeitgenossen und Nachkommen ein Beispiel dafür. So unterscheidet Husserl zwischen dem psychologischen Ich, das Teil der realen Welt ist und dem transzendentalen Ich. Husserl sieht bei jedem Menschen diese Zweiteilung des Ichs. Das transzendentale Ich ist die Quelle für alle geplanten aber noch umzusetzenden Vorgänge im Leben des Menschen. Es entsteht im Laufe der Zeit und kontrastiert mit dem psychologischen Ich. In der späten Phase seines Lebens legt Husserl Wert auf eine Art von „Koexistenz“ der beiden Ichs.
Heute sollten wir nicht vergessen, dass Husserl während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts einen grossen Einfluss auf die Philosophie des kontinentalen Europas hatte. Die klaren Absichten seiner Philosophie relativierten den Dualismus zwischen Geist und Welt der Philosophie von René Descartes (1596–1650).Husserl und sein Einfluss auf die europäische Philosophie ist bedeutend und hatte von Anfang an einen integrativen Charakter.

 

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Fabio Dal Molin

Über den Autor

Fabio Dal Molin ist Odd Fellow und Mitglied der Helvetia-Loge, Zürich, sowie der Erasmus-Loge, Zürich

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