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Wenn Erinnerungen sich verändern

Erinnerungen begleiten uns ein ganzes Leben lang. Sie lassen uns in der Vergangenheit schwelgen und rufen Gefühle und Bilder in uns hervor – glückliche und manchmal traurige. Sie sind ein Teil unseres Lebens. Ohne sie wären wir Lebewesen, die nur in der Gegenwart leben. Ja, wir leben manchmal in der Vergangenheit, und sie ist ein Teil von uns.
Wenn Erinnerungen sich verändern
Menschen können dasselbe Ereignis unterschiedlich erinnern, ohne zu lügen. Jeder erlebt Situationen aus seiner eigenen Perspektive, und das Gehirn setzt die Erinnerung später neu zusammen. Foto: BILDOGRAPHIE.SWISS/ma

Erinnerungen geben uns Identität und ermöglichen es, aus Erfahrungen zu lernen. Ohne Erinnerung müssten wir Fehler immer wieder neu machen und könnten Wissen nicht aufbauen. Erinnerungen machen uns teilweise zu dem, was wir sind. Sie können unsere Gedanken und Entscheidungen beeinflussen. Viele Entscheidungen basieren auf früheren Erfahrungen – bewusst oder unbewusst. Erinnerungen helfen uns einzuschätzen, was gut für uns ist und was nicht.

Erinnerungen verändern sich

Ob sie zuverlässig sind, ist jedoch eine andere Frage. Manche Menschen schwören darauf, dass sie sich an jedes Detail erinnern können, das früher passiert ist. Ist es aber wirklich so? Neurobiologisch gesehen: nein.

Experimente haben gezeigt, dass Erinnerungen sich mit der Zeit verändern – die Überzeugung über ihre Richtigkeit jedoch oft bestehen bleibt. Ein bekanntes Experiment der Gedächtnisforschung zeigt, wie leicht Erinnerungen verändert werden können. Die Psychologin Elizabeth Loftus führte in den 1990er-Jahren eine Studie durch, die später als «Lost in the Mall»-Experiment bekannt wurde.

Teilnehmenden wurden mehrere kurze Geschichten über Ereignisse aus ihrer Kindheit vorgelegt. Drei davon stimmten und waren von Familienmitgliedern bestätigt. Eine vierte Geschichte war jedoch erfunden: Die Versuchsperson sei als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen. Einige der Teilnehmenden begannen nach kurzer Zeit zu glauben, dass auch dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden habe. Manche ergänzten sogar eigene Details dazu.

Das Experiment zeigt eindrücklich: Erinnerungen sind keine exakten Aufzeichnungen der Vergangenheit. Sie werden immer wieder neu zusammengesetzt – und können sich dabei verändern.

Unser Gedächtnis nicht wie ein Archiv

So könnten wir die Frage stellen: Warum verändern sich Erinnerungen?

Erinnerungen verändern sich, weil unser Gedächtnis nicht wie ein Archiv funktioniert, in dem Erlebnisse unverändert gespeichert werden. Es arbeitet vielmehr rekonstruktiv: Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, setzen wir das Ereignis aus verschiedenen Elementen neu zusammen.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Rekonstruktion beim Erinnern
    Beim Erinnern werden nicht alle Details exakt gespeichert. Das Gehirn ergänzt fehlende Informationen mit Wissen, Erwartungen oder Logik.
  2. Einfluss neuer Informationen
    Spätere Gespräche, Bilder oder Erzählungen können sich mit der ursprünglichen Erinnerung vermischen.
  3. Emotionen und Bedeutung
    Gefühle beeinflussen, wie wir Ereignisse abspeichern und später interpretieren. Mit der Zeit kann sich die emotionale Bewertung ändern.
  4. Wiederholtes Erzählen
    Wenn wir eine Geschichte oft erzählen, passen wir sie unbewusst an – und diese neue Version kann sich im Gedächtnis festsetzen.

Deshalb sagen Neuropsychologen: Erinnerungen sind keine festen Aufzeichnungen der Vergangenheit, sondern eher lebendige Rekonstruktionen, die sich im Laufe der Zeit verändern können.

Vorsicht ist angebracht

Gerade wenn wir ein gutes Gespräch mit jemandem führen, kann sich die Erinnerung daran mit positiven Gefühlen füllen. Später erscheint uns dieses gemeinsame Erlebnis vielleicht sogar wie ein kleiner «Himmel». Aber auch das Gegenteil ist möglich: Wenn wir streiten und uns gegenseitig Vorwürfe machen, können sich in unsere Erinnerungen Sätze, Gesten oder Mimiken einschleichen, die so nie gesagt oder getan wurden.

Aus diesem Grund ist Vorsicht angebracht, wenn wir sagen: «Ich erinnere mich ganz genau.»

Jeder Mensch erlebt Geschehnisse aus seiner eigenen, subjektiven Perspektive. Jedes Gehirn speichert und ergänzt Informationen auf unterschiedliche Weise. Das bedeutet nicht, dass eine oder beide Personen lügen. Beide können ehrlich sein – ihr Gedächtnis hat das Ereignis einfach unterschiedlich rekonstruiert.

Ein einfaches Beispiel lässt sich im Alltag beobachten: Mehrere Personen erleben dasselbe Ereignis – etwa ein Gespräch bei einem Abendessen oder eine Szene in einem Film. Wenn man sie einige Tage später bittet zu erzählen, was genau passiert ist, entstehen oft unterschiedliche Versionen.

Manche erinnern sich an bestimmte Sätze, andere an ganz andere Details. Einige ergänzen sogar Dinge, die so gar nicht gesagt wurden.

Das zeigt im Kleinen dasselbe Prinzip wie in der Gedächtnisforschung: Unsere Erinnerung ist kein exakter Mitschnitt der Vergangenheit, sondern eine Geschichte, die unser Gehirn immer wieder neu zusammensetzt.

Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, sich perfekt zu erinnern – sondern darin zu wissen, dass auch unsere eigenen Erinnerungen fehlbar sind.

„Das Gedächtnis sagt: Das habe ich getan.
Der Stolz sagt: Das kann ich nicht getan haben.
Endlich – das Gedächtnis gibt nach.“
Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse (1886)

 

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Elisabeth Guarcello

Über den Autor

Elisabeth Guarcello ist Gastautorin der OFZ. Sie zertifizierte PSI- Kompetenzberaterin & Transkulturelles Coaching (MAS)» studiert. Danach war sie als Kommunikationsberaterin für Business- und Privatleute unterwegs sowie als freiwilliger Job-Coach für Jugendliche in Zürich.

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